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Ihre Körperhaltung erinnert an eine 70-jährige, der Haut ihres schmerzverzerrten Gesichts nach könnte sie auch Mitte 40 sein. Ihr pechschwarzes Haar, was unter ihrem Kopftuch hervorlugt, wird von lediglich einer dicken grauen Strähne durchzogen. Ihre Zähne fehlen fast völlig in ihrem Mund, den sie beim Sprechen vor Scham kaum öffnet. Doch eine wunderbare Aura umgibt Malika. Die hier ganz allein in einem riesen Haus am See wohnt. Eine Auberge die von außen aussieht wie ein verlassenes kleines Schlösschen, aus längst vergangener Prunkzeit. 56 Jahre ist sie alt und ein Engel von einem Menschen.

Berber Land

Doch von vorn. Heute wollen wir vom Niemandsland vor Marrakesh Richtung Ilmichil fahren. Ab dort soll es eine prima Offroad-Strecke durch das Atlas Gebirge geben. Zum Glück hören wir auf unser GPS anstatt unseren Reiseführer und so führt unser Weg durch die abgefahrensten Nebelserpentinen, auf denen uns beim Überholen tatsächlich ein Fahrzeug ohne Licht entgegen kommt, dem wir gerade noch so ausweichen können. Weiter durch winzig kleine Berber Dörfer. Berber sind die Menschen, die hier in den Bergen Leben. Am Meer entlang leben dagegen eher die Araber. 

Die kleinen Mädchen, die am Straßenrand zusammen gelaufen kommen um uns zu winken, sehen aus wie Ronja Räubertochter. Rotschwarzes Haar, völlig zerzaust und eine gesunde Farbe von der Bergluft und der Sonne im Gesicht.

Die Menschen hier freuen sich wahnsinnig, wenn wir durch ihren Ort kommen. Scheinbar sind Touristen hier eher seltener. In den Ortschaften entlang der gängigen Routen sorgen wir kaum für solche Aufregung 🙂 Die kleinen Jungs werfen mir Handküsse zu, einige bieten uns ihre angebissenen Äpfel an, ein paar von ihnen wollen, dass wir anhalten und mit ihnen Fußball spielen J Es ist so wahnsinnig schön hier. Am liebsten würde ich eine Nacht hier bleiben. Aber sicher ist es mega anstrengend den ganzen Abend die Ortshauptattraktion zu sein und irgendwie schäme ich mich auch oft für unsere Protzkarre. Den Wohlstand den wir zur Schau fahren, ohne dass wir das so meinen…

Malika

Gegen Abend hat es wahnsinnig angefangen zu Regnen. Einer von diesen miesen Nieselregen, die dich im Nu bis auf die Unterhose nass machen. Ungünstig bei beinahe Minusgraden. Ilmichil gefällt uns nicht wirklich. Hier gibt es Gott sei Dank auch keinen Campingplatz. Wir müssen zurück an den See, an dem wir bereits vorbei gekommen sind. Ein riesen Teil, inmitten der Berge. Hier können wir angeblich über Nacht stehen bleiben. Das Schlösschen, das ich anfangs für verlassen gehalten habe, ist doch bewohnt. Ich klopfe an die Tür, um um Campingerlaubnis zu fragen und stehe Malika gegenüber. Sie ist so stiefmütterlich gekleidet, dass ich erst denke sie sei die Putzfrau. Unheimlich bescheiden in alten Lumpenkleidern. Sie ist mir gleich unheimlich sympathisch und sperrt uns die Leine auf, die sie an Plastikflaschen über den Weg zum Parkplatz gezogen hat.

Wir dürfen direkt mit der Autonase am See parken. Ein Traum.


Natürlich sollen wir als erstes auf einen Tee rein kommen und sie schmeisst den riesen Ofen an, damit wir uns aufwärmen können. Mit Erdnüssen und Knabberkram versorgt beschnuppern wir uns vorsichtig. Sie ist eine sehr introvertierte Frau, die sich nicht jedem öffnet, das merke ich sofort. Witzigerweise kommen wir uns ganz schnell ganz nah. Ihr ist es wahnsinnig wichtig, dass wir jedes Wort was sie erzählt richtig verstehen und so übersetzt sie mit Händen und Füßen die Bedeutung. Genauso möchte sie umgekehrt alles verstehen und so kommunizieren wir den ganzen Abend voller Gestiken und Mimiken mit Einbezug jeglicher Gegenstände und Geräusche. Sie ist vor 8 Jahren aus Meknes hier her gezogen und leitet dieses Gebäude als eine Art Herberge. Zuammen mit einer Katze und ihren zwei Jungen sowie einem alten niedlichen Hund mit blauem Bast als Halsband verbringt sie ihre Tage mit Hauswirtschaftsarbeit. In Meknes litt sie unter starken Depressionen, hat viele Tabletten genommen. Das ist in ihrer Familie scheinbar veerbt. Seit sie raus ist aus der großen Stadt und dem Trubel, geht es ihr besser. Keine Tabletten mehr sagt sie. Und tatsächlich. Wer es schafft an diesem Ort einmal die Klappe zu halten, der merkt schnell, wenn er einen Tinitus hat. Hier ist nichts – und zwar gar nichts – zu hören. Völlige Stille! Bis auf die eine oder andere der zwei Enten die alle halbe Stunde einmal Schnattern. Wie wunderbar erholsam! Leider ist Malika vor zwei Tagen böse gestürzt. Auf dem ersten Schnee und Eis ist sie ausgerutscht und auf den Hinterkopf und Rücken gestürzt. Mit Schwung auf die Steintreppe. Vor Schmerzen kann sie kaum laufen. Trotzdem will sie heute Nacht auf der Bank in der Diele schlafen, damit sie hört, falls einer von uns aufs Klo möchte. Das lässt sie sich nicht nehmen. Genauso wie das Wäsche waschen am nächsten Tag.

Wenn ich mir ihre Schuhe angucke ist es kein Wunder, das sie gestürzt ist. Gummibadelatschen mit Socken drin. Andere Schuhe gibt es hier für sie nicht sagt sie. Sie hat Schuhgröße 42. Das ist für marokkanische Frauen scheinbar sehr ungewöhnlich und so gibt es da keine wirkliche Auswahl. Ihre Nichte, sagt sie, hat 48. Die Familie muss für viel Geld Schuhe aus dem Internet aus den USA bestellen. Schlimm, wenn man kaum Geld zum Leben hat.
Überhaupt ist die Region hier oben in den Bergen sehr arm. Die meisten sind Nomaden. Die Männer ziehen mit den Tieren durch die Berge, die Frauen bleiben mit den Kindern allein zurück. Bis vor kurzem haben die Spanier hier scheinbar in Schulprojekte und Lebensmittel sowie Kleidung für die Bevölkerung investiert. Doch seit zwei Jahren, seit der Wirtschaftskrise, kommt nichts mehr, erzählt Malika. Oft ist sie diejenige bei der die Nachbarn jetzt ankommen und um Hilfe bitten. Ich finde es schon erstaunlich wie oft ihr altes Handy klingelt und sie die Person am anderen Ende zurück ruft, damit diese nichts für das Gespräch bezahlen muss. Malika hat schlechte Augen und kann nichts mehr lesen. Deshalb ist Telefonie alles was sie so an Kommunikation mit der Umwelt hat. Außer dem einen oder anderen Nachbarn der vorbei kommt und sich Dinge abholt.
Ihr Sohn hat wohl mit seiner Frau und der 10-jährigen Tochter bis vor einiger Zeit hier mitgewohnt und gearbeitet. Die Touristen haben ihn jedoch immer auf Zigaretten und Alkohol eingeladen, erzählt sie, und dann hat sie ihn irgendwann rausgeschmissen, da er nur noch mit den Leuten rumgesumpft hat. Er hat eine Pharmazieausbildung, bekommt aber keinen Kredit für eine Apotheke und so finanziert sie weiterhin seinen Alltagsdrogenkonsum von fern. Irgendwie ist mir die ganze Zeit danach sie zu drücken. Ulli versorgt sie erstmal mit Ibuprofen gegen die Schmerzen. Sie ist wahnsinnig gescheit und kennt sich gegen all die Klischees, die ihr Aussehen spricht, mit allem aus. Weltpolitik, Umweltproblematiken in ihrem Land. Sie war hier scheinbar schon in jeder Ecke, hat überall Kontakte und war durch die Bekannten ihres Mannes sogar schon in Deutschland. 1983. In Düsseldorf, Bochum, Gießen, Frankfurt und dem Schwarzwald 🙂 In Gießen hat ihr der eine Bauernhof der Bekannten mit den Tieren und die Natur so gut gefallen sagt sie. In Deutschland hat sie sich damals auch gleich mehrere Paar Schuhe in Größe 42 mitgenommen 🙂 Diese sind leider schon zerfallen.

Irgendwann muss ihr Leben eine krasse Wende genommen haben. So sehr traue ich mich da nicht nach zu fragen. Auch nicht nach dem was aus ihrem Mann geworden ist. Sie fährt eine Menge Knabberkram auf. Das kann sie selbst nicht mehr Essen. Am zweiten Abend zeigt sie mir ihre Zähne. Auf die ist sie vor ein paar Jahren böse gefallen Ich zähle drei übrig gebliebene Zähne am Unterkiefer.

Regen was sonst

Wir sind totmüde und verkriechen uns in unser Auto. Diese Nacht wollen wir ganz schlau sein und im Auto schlafen. Die Nächte oben im Zelt wären vor Kälte nicht auszuhalten. Leider waren wir nicht ganz so schlau und stellen im strömenden Regen fest, dass unsere Decken und Schlafsäcke im Dachzelt stecken. Also raus in die Dunkelheit und Nässe und in Rekordzeit das Zelt halb aufgeklappt und den Kram rausgefischt. Deckel wieder drauf und ab ins Auto.

Der Sonnenaufgang am nächsten Tag ist der Wahnsinn. Langsam kriecht die Sonne über die Bergkuppe auf der anderen Seite des Sees. Und plötzlich wird der ganze See zu einem riesen Spiegel seiner Umgebung. Die Wolken, die Bergkuppen die durch ihren schräge Form aussehen, als ob sie einen Riesen zudecken.. Alles findet sich auf dem Oberfläche des Sees wieder. Das Wasser ist so klar, dass man direkt auf den Grund gucken kann.

Malika ist bereits auf den Beinen und versorgt uns mit Tee, Kaffee und selbstgebackenem Brot. Anschließend hilft sie mir ohne Ekel J unsere noch nicht trockene Wäsche aufzuhängen. Ich schäme mich ein bisschen für den mief, den diese bereits nach zwei Regentagen im Auto ausströmt 🙂
Die Wäscheleine im Auto hat da nicht groß was raus gerissen..

Ingenieur im Einsatz

Unser Kocher ist kaputt. Schon nach vier Wochen ist unsere Ernährung in Gefahr 🙂 Zum Glück habe ich einen Ingenieur im Gepäck und der demontiert, reinigt und montiert blitzgescheit die Cuisine.Nach zwei Stunden und vor Kälte fast abgestorbenen Finger ist der ganze Ulli schwarz vor Öl und Ruß, aber der Kocher läuft wie geschmiert. Ein Teil ist übrig 🙂 So soll es sein:)

Auf der Flucht

Wir wandern gemütlich um den See herum, durch ein Tal umgeben von Bergen, das aussieht wie in einem Land vor unserer Zeit. Überall stehen Übernachtungshütten der Nomaden. Ein paar Kinder auf ihrem Esel fragen nach Armbändern. Mein schwarzes Haargummi tut es scheinbar auch 🙂
Der weitere See, zu dem wir laufen, soll nur 2 Stunden entfernt sein. Da ich mich mal wieder halb tot fotografiere laufen wir fast 3 Stunden dort hin. Eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 1 km/h vermeldet das GPS 🙂
Als wir bei dem See ankommen sind wir von einem riesen schwarzen Gewitter umzingelt.

Hinter uns in den Bergen ist es bereits komplett neblig und am Regnen. Rechts von uns donnert es als ob ein Bergriese Trommeln schlägt und plötzlich wie aus dem Nichts ist Wind da. Und was für einer. Im Null Komma keiner Sekunde bläst er uns das Unwetter in den Rücken. Wir rennen los wie auf der Flucht. Ich freue mich riesig über das Abenteuer und wette mit Ulli das wir mit 10 km/h trocken nach Hause kommen und sich das Unwetter sowieso in den Bergkuppen abregnet. Ulli wettet, dass wir innerhalb der nächsten 10 Minuten nass bis auf die Unterhose sind. Und genau das ist dann auch der Fall. Schneller als der Wind laufen ist irgendwie nicht möglich und nach wenigen Minuten sind wir mittendrin im Unwetter. Trotz zwei paar Stoffhosen, zwei Pullovern, Tshirt und Windjacke, läuft mir nach einer Minute das Wasser den Rücken runter. Meine Füße schwimmen in meinen Schuhen, aber mir ist warm und ich bin sau glücklich und am Grinsen. Ulli ist arschkalt in seinem Globetrotter Wanderzeug. Der Arme! Das müssen wir reklamieren 🙂

Das geilste ist die Brücke, über die wir auf dem Hinweg gekommen sind. Vor einer halben Stunde war unter ihr nur ein leeres Flußbett. Nach 10 Minuten Regen steht uns das Wasser beim Überqueren bis über die Fußknöchel. Braune, rutschige, kalte Schlammpampe 🙂 Genau mein Ding. Ich hole erstmal die Gopro raus und filme das Ganze 🙂 Das Wasser ist wie aus dem Nichts zusammen geflossen und zum reißenden Fluss geworden.
Kaum haben wir den durchquert, kommt Hassan angefahren. Der passt auf eines der Häuser hier in der Gegend auf und fährt gerade einen älteren Mann ins Dorf. Dass wir pitschnass und dreckig sein Auto vollsauen stört ihn nicht. Ganz selbstvertsändlich fährt er uns zurück zu Malika und lädt sich dort noch mal schnell auf einen Tee ein. Malika ist ganz bleich vor Sorge. Beinahe hätte sie die Polizei gerufen, damit die uns sucht sagt sie. Hier hat es scheinbar schon gehagelt. Ich muss grinsen und streichel ihr die Schulter. Genau das habe ich mir schon gedacht 🙂 Dass ich es gar nicht schlimm finde, so nass zu sein, kann sie nicht nachvollziehen. Unser Abenteuer wäre ihr absoluter Albtraum:)

Ulli stecken wir erstmal unter eine heisse Eimerdusche. Dem Armen steht der Dreck aus dem Fluss bis zur Hüfte an die Hosenbeine geschrieben. Lippen ganz blau..
Unsere Sachen wringen wir aus und hängen sie im Kreis über Plastikstühle um den Ofen. Die dampfen wie heisses Wasser im Schnee.
Mama Malika versorgt uns mit Tee, Nüssen, Obst, Datteln, Feigen und vielem mehr.
Ein wunderbarer weiterer Schnackabend in der riesen Diele dieser Eigenbrödlerin.

weiter gehts

Der nächste Morgen beginnt mit einem mystischen Nebel über dem See, den die Sonne langsam verschwinden lässt. Was für eine Landschaft!

Während wir draußen am Auto in der Wärme der Morgensonne Frühstücken, kommt ein Muli angallopiert. Der ist dem Nachbarn am Berg scheinbar ausgebüchst und genießt seine sicher eher von kurzer Dauer aber neu gewonnene Freiheit. Nach einer halben Stunde ist der Nachbar dann auch da. Samt einer handvoll Heu, einem Strick, seiner Frau und seinen zwei Kindern. Der Muli rennt wohl vergnügt auf Malikas Wäsche draußen an der Leine zu, um im letzten Moment um ihre Terasse herum auszuweichen und im Farn zu verschwinden. Das Einfangen kann dauern 🙂 Natürlich wird sich von Malika noch Brot geliehen zum Anlocken. 🙂

Wir wollen auf jeden Fall los und schweren Herzens verabschieden wir uns von unser neu gewonnenen Freundin. Natürlich nicht ohne noch einen letzten Tee mit ihr zu trinken.

Als sie uns noch Verpflegungspakete voller Äpfel und Brot schenkt und uns auf alles was wir hier genutzt haben auch noch einen riesen Rabatt gibt frage ich mich wovon sie eigentlich lebt.
Sie möchte uns gern unterwegs anrufen um sicher zu gehen, das wir heile durch Afrika kommen und ist traurig, dass unsere Deutsche Nummer gerade ausgeschaltet ist.
Schreiben kann sie uns ja leider nicht und lesen was wir ihr schreiben auch nicht.
Sie drückt mich am Ende ganz fest und wir ziehen los… Ein wunderbar trauriger Abschied von einer ganz besonderen Frau.

 

 

3 Responses

  1. isi

    So schön. Die Frau und die Gegend klingen wirklich so faszinierend. …
    Ich sehe Euch da richtig vor mir. ..toll. Drück Euch

    Antworten

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