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Der Moment, wenn du morgens nach einer völlig verregneten Nacht aus deinem Auto kletterst und die Wüste in der du parkst völlig unter Wasser steht.
Abgefahren. Völlig surreal, wie in einem Traum.
Aber genau das ist uns am Samstag passiert. Ja, es sollte Regen geben, das haben wir auch gelesen. Ja, wir wurden mehrfach gewarnt, dass die Niederschlagsmengen ziemlich hoch sein sollen. Aber so hoch, dass plötzlich Dromedare zwischen Sanddünen schwimmen gehen können? Niemals!
Aber nun ja wir wurden eines besseren belehrt 🙂

Wüsten-Strom

Der Wecker klingelt um 06.20 Uhr. Ich will den Sonnenaufgang von einer der Dünen aus genießen. Doch das Trommeln aufs Autodach verrät mir schnell, dass das nichts wird. Draußen ist nichts zu sehen außer Wolken und Regen.

Also schlafe ich weiter. Ulli und ich verbringen diese Nacht als allererste Nacht getrennt voneinander. Er wollte unbedingt in einem der Nomaden-Zelte schlafen. Mir ist unser Auto lieber. Dafür haben wir beide mal so richtig Platz zum schlafen 🙂 Ich hab wie ich finde definitiv richtig entschieden, denn durch den starken Regen hat es durch das Zelt getropft. Ulli wurde quasi während des Schlafens auf seiner Matratze von Tropfen umrahmt 🙂

Um 8 Uhr klopft es an die Autotür. Ulli. “Fototime, komm schnell es regnet gerade nicht.”
Als ich die Autotür auf mache kann ich es kaum fassen. Überall Wasser! Ein riesiger Fluss! Mega schnell schießt es vor den Dünen lang. Hier und da schwimmt ein Dromedarköttel lieblich auf der Oberfläche dahin.
Die Dromedare gucken nicht schlecht. Sowas sehen sie wohl eher selten vor ihrer Haustür.

Wat nu

Nach einem super Frühstück und viel viel Tee (die Marokkaner trinken immer erstmal Tee. Vor allem, bei allem und mitten drin auch. Eigentlich ist es meist Zucker mit Wasser und frischer Minze. Wer ohne Zucker seinen Tee bestellt bekommt drei Stücke in sein kleines Glas statt einen ganzen Brocken 🙂 Ist ja quasi wie ohne Zucker 🙂 ) beschließen Ulli, Jamal und ich Richtung Erg Chigaga aufzubrechen. Das sind die größeren Dünen weiter in die Wüste hinein.
Inshallah (so war Allah/ Gott will. Das sagen die Berber hier bei allem 🙂 )

In M´Hamid sammeln wir noch Abdellah ein. Einen Freund von Jamal und ab geht die Post. Doch weit kommen wir nicht. Nach ca. 10 Minuten Fahrt kommen uns zwei Nomaden in Turban und Kat Kat (so nennen die Berber 4WDs) entgegen. Der Weg sei völlig überflutet und unbefahrbar. Also drehen wir wieder um.


Was nun. Abdellah wieder abgesetzt wo wir in aufgeggabelt haben. Jetzt entweder Inshallah Tee trinken und warten, dass das Wasser sinkt und wir doch fahren können oder zurück nach Adgz, Jamal wegbringen und ans Meer? Wir sind um 10 Uhr in Jewish Erg aufgebrochen und bereits 4 Stunden Offroad gefahren. Uns reichts. Wir können damit leben zurück zu fahren. Also beschlossene Sache.
Doch schon kurz vor Tagounite ist der Weg abgeschnitten. Was gestern Abend noch Straße war ist ein riesen Fluss. Sicher 500 Meter breit und ziemlich schnell. Das Militär fährt eine Ladung Menschen in einem großen Unimog durch den reißenden Strom. Wer sich traut und nicht mehr auf den Laster gekommen ist, geht zu Fuß. Das Wasser steht den Menschen bis über die Hüfte. Wir warten. Inshallah sinkt der Wasserspiegel. “Warten” wird zum Motto des Tages. Gleich nach “Inshallah”.


Und tatsächlich nach 40 Minuten ist das Wasser soweit gesunken, dass es bis kurz unter unseren Unterboden reicht. Das probieren wir. Und ab geht die Post. In gleichmäßigen Tempo auf einem Untergrund lang, der hoffentlich mal die Fahrbahn war und nicht die Holperpiste daneben, geht es in gleichmäßigem Tempo auf die andere Seite. Juchee geschafft.

In Tagounite angekommen, halten wir erstmal an und checken die weitere Lage. Kein Auto fährt hier mehr weg. Wohin auch. Alle Wege sind unpassierbar. Die Taxen bleiben wo sie sind. Die Restaurants und Hotels sind voll mit Touristen, Berbern und Arabern, die gemeinsam von Flüssen eingeschlossen sind.

Terés die Hochwasser-Taxe

Jamals Bekannter Said, der in Tagounite wohnt, hat jedoch angeblich von einem Kerl gehört, der anstatt der normalen Straße nach Agdz, die blockiert ist, den alten Weg, also die sogenannte Piste, hier nach Tagounite gefahren ist. Hm dann müssten wir dort ja auch raus kommen. Gesagt getan.
Eben noch einen Polizisten eingesammelt sowie Jan aufgegabelt (ein deutscher Backpacker der hier auf einer Dattelfarm gearbeitet hat und eigentlich gern mit einem Taxi in den nächsten großen Ort fahren wollte) und los gehts.
Durch überflutete, völlig durchgematschte sich durch den Ort schlängelnde Schleichwege gehts über diverse Feldwege immer weiter in Richtung Berge. Jeder der einem entgegenkommt wird nach der Passierbarkeit gefragt. Ich verstehe kein Wort, zuversichtlich sieht Jamal aber nicht aus. Ulli und ich haben auf jeden Fall Spaß. Es ist schon Abenteuer pur was wir hier gerade erleben. Doch wir sehen es super gelassen. Wir haben keinen Zeitdruck, Locals dabei die sich auskennen und Kontakte haben und wir haben ein Kat-Kat, das gerade super Dienste leistet. Also Inshallah 🙂

Plötzlich stehen wir jedoch vor einem anderen Problem. Jemand hat die kleine Brücke kaputt gemacht über die wir rüber müssen. In der Breite passt nur das halbe Auto drüber. Doch mit ein paar riesen Steinen, Stöckern, einem Stück Palme und viel Sand, ist die Brücke schnell verbreitert.


Jamal ist echt ein Kracher 🙂 Ich bin sicher keine große Hilfe. Ich finde das alles so spannend, dass ich nicht aufhören kann zu Filmen 🙂 Ab und an schleppe ich mal einen größeren Stein daher. Ulli ist vom Fahren so müde, das er nur Verpeilolöcher in die Luft starrt, der Polizist mit seiner Schniegeluniform denkt scheinbar gar nicht erst daran mal aus dem Auto auszusteigen und sich vielleicht dreckig zu machen und versperrt Jan, der hinter ihm sitzt damit den Weg. Auch reagiert er irgendwie nicht auf Jans Versuche ihm auf Englisch oder Französisch zu erklären doch bitte mal auszusteigen 🙂 Keine Ahnung ob er nichts versteht oder nicht verstehen will. Als Jamal fertig ist, steigen die Beiden dann doch noch aus und der Polizist geht einen Fuß vor den anderen setzend einmal die Breite des Autos und die neue Breite der Brücke ab. Was für eine riesen Hilfe 🙂

Und dann ist es soweit. Terés kann über die Brücke fahren. Und juchee, auf den Millimeter genau passen ihre Reifen in der Breite auf das Improvisationsgebilde.
Alle wieder einsteigen und weiter geht die Kat-Kat-Post 🙂 Hinter der nächsten Ecke der nächste große Teich durch den wir müssen. Terés meistert auch diesen mit Bravour. Irgendwann füllt sich ihr einer Scheinwerfer halb voll mit Wasser. Ansonsten lässt sie sich von den Strapazen nichts anmerken. Ein Glück!

Doch dann kommen uns erneut Kat Kats entgegen. Der Weg ist dicht. Keine Chance. Umdrehen ist angesagt. Erneut zurück nach Tagounite… So ein Mist. Ich muss lachen. Wie geil ist dieser Tag denn bitte? 🙂 Jamal kann es kaum glauben.

Die drei Kat-Kats fahren zuerst über unsere Improbrücke zurück. Als wir an der Reihe sind, ist für die Reifen auf der Linken Seite eigentlich kein Untergund mehr da. Aber mit Vollspeed schießen wir einfach über das riesen Loch hinweg und die Räder finden Halt auf den Enden des Brückenrests. Geschafft. Durch weitere Regenseen und Flüsse zurück und nach knapp zwei Stunden sind wir wieder in Tagounite.

Der Polizist geht dahin wo er hergekommen ist und wir Tee trinken. Inshallah.
Mit der Polizei ist hier nicht zu spaßen, Fotos sind nicht erlaubt (deshalb schnell unscharf abgelichtet 😉 ) und an jeder Kontrollstation zahlen die Locals Schmiergeld zum Passieren. Zu Dritt vorne drin im Auto geht nur, weil wir den Polizisten mitgenommen haben. Sonst hätten wir 100 Drh zahlen müssen, so wie die voll beladenen Transporter und Taxen – kurz gesagt – keiner mag die Polizei.

Wat nu nu nu

Jan kommt mit. Ein bisschen hat er doch noch die leise Hoffnung, dass wir zu seinem Weg hier raus werden. Wir bestellen erstmal lecker Berber Omlett. Das heisst Eier in Tomaten, Zwiebel, marokkanischen Kräutern und Gewürzen, einer Chilli in der Mitte und schwarzen Oliven in einer Tagine gekocht. Dazu gibt es Brot und jeder dippt sich seinen Teil heraus.
Es ist mittlerweile 16 Uhr und wir sind gerade mal 10 km von unserem Startpunkt heute früh entfernt. Doch die Laune ist super, wir haben Spaß. Ganz im Gegenteil zum Rest der Leute in dem Restaurant. Eine Französin erzählt, dass es als wir vor zwei Stunden aus dem Ort gefahren sind noch einmal wahnsinnig geregnet hat. Wasserfälle sind erneut durch die Straßen geflossen. Witzig, haben wir gar nicht mitbekommen. Die Frau und ein paar andere Leute verpassen scheinbar ihren Flieger nach Frankreich. Der geht heute Abend von Ouarzazate. Tja und da gibts erstmal keine Straße hin..

Wir entscheiden uns dazu, zurück nach Jewish Erg zu fahren und dort eine weitere Nacht zu verbringen. Dann sind wir ausgeschlafen und morgen ist ein neuer Tag. Inshallah. Wenn es morgen Sonne gibt, wer weiß, vielleicht kommen wir dann ja doch noch nach Erg Chigaga, zu den großen Dünen.
Auf dem Weg zurück in die Wüste schmeissen wir Jan an der Straße raus. Er will sich noch die dreckigen Füße in einer Pfütze waschen (und davon gibt es heute wahrlich genug) und dann zurück zur Dattelfarm. Die warten sicher eh schon auf ihn bei dem was hier abgeht. 🙂

Und wieder alles anders

Wir sind noch keine zwei Minuten gefahren nachdem wir Jan abgesetzt haben, da kommt uns Jamals Freund Said in seinem weißen klapprigen alten Renault und ein paar riesigen umher baumelnden Metallstangen auf dem Dach entgegen gefahren. Die Straße nach Zagora ist Said nach jetzt angeblich frei. Ein Freund von ihm sei diese gerade gefahren. Alles klar, wir drehen um und geben Gas. Vielleicht finden wir Jan noch. Der wird sich was freuen. Kommt er doch noch mit uns weiter.
Doch keine Spur von Jan. Der Weg, den er eventuell zur Dattelfarm gegangen ist für unser Auto nicht passierbar. Ein riesen See und Schlammuntergrund.
Schade, ich hätte ihm so gern geholfen. Aber morgen kommt er sicher mit einem der Taxis hier weg.

Mittlerweile ist es dunkel. Ich habe riesen Spaß und steuer uns mit Schmackes zum Shrek Soundtrack durch die riesigen Pfützen. Noch singen wir fröhlich mit. Doch nach einer Stunde Fahrt ohne Gegenverkehr werden wir skeptisch. Doch mit Inshallah geht es weiter.

Und dann sehen wir es. Als wir uns die Serpentinenstrecke im Berg runterschlängeln steht es da. Ein Auto. Die roten Schlussleuchten verraten, dass es sich nicht von der Stelle bewegt. Scheiße. Wir fahren hin. Wenigstens nachgucken müssen wir.
Und natürlich. Die Straße ist dicht. Ein breiter Fluss schießt über das was mal ein Weg war. Das Problem hier ist gar nicht die Tiefe, sondern der Druck mit dem das Wasser über den Teer strömt. Jedes Auto, was einen Versuch der Überquerung startet, würde sofort zum Floß.
Ein fetter LKW wartet bereits seit sechs Stunden darauf, dass das Wasser weniger wird. Und das wird es. Langsam aber sicher sinkt der Wasserspiegel. Die Locals schieben in der Dunkelheit einen Stein hinter dem Flussrand hinterher.
Stunde um Stunde einen Meter.

Nach müde kommt blöd

Wir gehen erstmal Tee trinken. Irgendwo am Straßenrand steht eine Steinhütte. Darin stitzen drei Marokkaner im Licht einer Gaslampe. Die freuen sich riesig, dass ich ein bisschen Berber spreche. Haben aber auch Angst, dass ich vielleicht mehr verstehe als sie denken 🙂 Wir bekommen Tee und irgendeiner will uns Tagine oder Couscous besorgen. Woher auch immer 🙂 Wir lehnen dankend ab 🙂 Ich bin rund um glücklich. Während Ulli um Auto versucht ein wenig zu dösen (der Arme ist den ganzen Tag durch mehr Flüsse gefahren als in seinem Leben wahrscheinlich über Brücken 🙂 ) stehen Jamal und ich an der Wasserkante und machen Witze. Gestern Abend hat er uns bereits in einer Mischung aus Französisch, Englisch, Spanisch, Berber, Arabisch und Stift und Zettel versucht Witze zu erzählen. Der Beste: Warum haben deutsche Männer oft keinen Haare mehr auf der Stirn? Weil sie sich immer auf den Vorderkopf hauen, wenn sie “Achso” sagen 🙂
Voll niedlich diese Berber 🙂

Jetzt will er mir zeigen, dass er auch ein bisschen Deutsch kann und sagt immer Brust.
Ich weiß nicht, was er mir mit Brust sagen will und fange wahnsinnig an zu lachen, als ich verstehe, dass er Prost meint. Als ich ihm seinen Aussprachefehler und die Bedeutung von Brust erkläre, können wir uns kaum noch halten. Nun wisse er auch, warum sich der eine deutsche Mann mit dem er letztens Tee trinken war so schützend an die Brust gefasst hat, als er mit ihm angestoßen hat 🙂
Dann will Jamal mir Prost auf Touareg beibringen und ich kann mich vor Lachen kaum halten.
Hier für alle daheim zum Nachmachen in Lautschrift:

Libbitibbitu limabitu mabitu Lähäbitu häbitu lämähäbitu mähäbitu

Das Ganze jetzt so schnell wie es geht hintereinander weg sprechen und et voila, geschafft 🙂
Bis ich das ausgesprochen habe ist der Tee schon kalt sage ich. Ach es ist ein wundervoll chaotischer Tag:)

Jamal friert unheimlich. Er hat alles an, was er dabei hat. Schon zig mal habe ich ihm Ulli Regenjacke angeboten, doch immer hat er abgelehnt. Jetzt schleppe ich sie ihm einfach an und nötige ihn sie anzuziehen. Als ich ihm erkläre, das die nicht nur gegen Regen sondern auch gegen Wind ist, dauert es keine zwei Sekunden und der kleine Mann steckt in der großen Jacke. Und siehe da, er wil sie gar nicht mehr ausziehen 🙂

Holländischer Penislängen-Vergleich

Plötzlich startet eines der Autos und fährt vorsichtig in den Fluss hinein. Doch kurz vor der schlimmsten Strömung setzt es Vollgas zurück und steht im Nu wieder am Rand. Eine Gruppe Holländer mit zwei dicken Mietwagen.. Männer. Anders kann ich mir ihr Verhalten nicht erklären. Die Locals stehen nur kopfschüttelnd am Rand und sehen sich das Elend mit an. Die vier Touristen binden ein Seil zwischen ihre beiden Autos und der vordere Wagen fährt erneut langsam in den Fluss. An derselben Stelle wie zuvor bleibt er jedoch wieder stehen, hupt zwei mal und lässt sich rückwärts wieder rausziehen. Was für Idioten..

Wir haben genug gesehen, das wird in den nächsten Stunden eh nichts mehr. Also fahren wir zurück nach Jewish Erg. Auf der Durchfahrt durch Tagounite schimpft Jamal auf seinen Kumpel Said und dessen Dummgeschwätze 🙂 Said, der Polizist und Jan würden laut Jamal sicher bereits gemütlich schlafen.
Um 23 Uhr, also nach 13 Stunden und ca 150 gefahrenen Kilometern, kommen wir wieder dort an, wo wir losgefahren sind.

Und täglich grüßt das Murmeltier

Morgen ist ein neuer Tag und ich stelle mir Inshallah wieder den Wecker auf 6.20 Uhr. Vielleicht klappt es ja wenigstens diesmal mit dem Sonnenaufgang 🙂 Doch Pustekuchen. Dicker fetter Nebel beschränkt die Sichtweite auf 10 Meter. Wer hat behauptet in der Wüste sei es heiß und trocken? Ich frier mir den Arsch ab und das ganze Wasser hier sieht aus wie der Nil 🙂

Wieder gibt es ein ausgiebieges Tee Gespräch. Der Weg nach Erg Chigaga ist wohl frei, von dort aus geht es aber die nächsten 6-7 Tage allerdings wohl nicht weiter. Durch das ganze Wasser ist es nicht möglich durch den Sand zu fahren, sagt Jamal.
Wir haben aber genug von der Wüste und fahren, wer errät es, über Tagounite die Straße weiter Richtung Agdz. Und siehe da, der Fluss an dem wir die Nacht gewartet haben ist noch da. Aber passierbar.
Und so geht es über völlig ramponierte Straßen und Umleitungen über Steinpisten nach Agdz.

An jeder Ecke stehen Menschen und fotografieren die Wassermassen, die sich in den sonst leeren Flussbetten durch die Täler schlängeln.
So viel Wasser hat es angeblich nicht mal bei dem letzten Unwetter vor fünf Jahren gegeben.

In Agdz angekommen landen wir wieder bei Jamals Onkel und Cousin. Jamal kocht Berber Omlett und ja wir trinken Tee. Jamal möchte, dass wir heute Abend mit zu ihm in die Berge nach Hause kommen. Seine Mama macht Couscous. Wir sind jetzt Familie sagt er 🙂

Küsse und rote Schlüppis im Hamam

Ulli und ich gehen erstmal ins Hamam im Ort.
Für einen Euro gibt es hier für Männer und Frauen getrennte Dampfbäder. Ich habe das noch nie ausprobiert, weil ich Sauna und Dampfbad etwas für die Seele finde und mir nicht vorstellen kann zu entspannen, wenn ich das Zootier zwischen all den muslimischen Frauen bin 🙂
Aber wir haben es echt nötig uns mal ordentlich zu schrubben!! Weitere Details espare ich Euch hier 🙂

Was ich nicht weiß und Jamal mir auch nicht gesagt hat: ich hätte ein Bikiniunterteil mitnehmen müssen. Und so lande ich in einem nassen roten Schlüpfer irgendeiner anderen Frau, der noch Feucht im Regal hinter der Kasse liegt 🙂 Inshallah 🙂

Mit zwei alten Kübeln und einer Schöpfkelle sowie einer Rutschmatte ausgestattet, gehts ab in die Schwitzburg. Doch heiss ist es irgendwie nicht. Ein Platz auf dem Fußboden ist schnell gefunden. Die Fußmatte platziert, der Hintern in dem roten etwas engen Schlüppi über dessen hygienischen Zustand ich gar nicht weiter nachdenken möchte darauf platziert.
Ich habe nur Duschgel und Haarshampoo mit und keinen Schwamm. Die Frauen hier beäugen meine mikrige Ausstattung etwas mifühlend. Und Schwupps erklärt mir einen ältere Dame die gerade ihre Füße schrubbt, das ich meinen Eimer hier neben ihr an den Hähnen auffüllen soll. Ich mache ordentlich heisses Wasser rein. Mir ist ziemlich kühl in dem Dampfbad. Sie ist erschrocken wie ich mir das antun kann und bedeutet mir lieber noch mehr kaltes Wasser dazu zu tun. Das mache ich, damit sie sich keine Sorgen um mich machen muss. Das Ergebnis, ein viel zu lauwarmer Eimer voll Wasser. Mit der blauen Schöpfkelle und meinen Händen versuche ich halbwegs an die Schwammreinigungsprofessionalität der Frauen um mich herum ran zu kommen.
Wahrscheinlich mit einem jämmerlichen Ergebnis. Die Frauen hier arbeiten sich in stundenlanger Arbeit und intensiver Genauigkeit an ihrem Körper hoch. An den Füßen angefangen bis hin zum Kopf. Wer es ganz besonders schlau anstellt, hat eine Schrupphilfe mitgenommen. Zwei Frauen können sich mit so einem Schwamm stundenlang gegenseitig den Rücken putzen. Erstaunlich. Wenn ich mich einmal die Woche so Waschen würde wie Marokkanerinnen hier über Stunden, dann würde ich wahrscheinlich erstens durchsichtig sein vor Sauberkeit und zweitens eine Wasserrechnung von 50 000 Euro haben. Doch von der Wasserknappheit in Marokko ist im Hamam jedenfalls nichts zu merken. Ich habe meinen Eimer noch nicht mal aufgebraucht, da schiebt mir ein Mädchen einen weiteren vollen Eimer zu. Aber auch der ist nur lauwarm. Den nächsten muss ich mir auf jeden Fall selbst auffüllen und mir nicht reinreden lassen und dann ist er perfekt. Denkste. Ich bin so drauf erpicht, dass das Wasser heiss ist, das ich mich beim Waschen fast verbrenne. Da muss ich jetzt durch, die Blöße kann ich mir nicht geben. Alle gucken zu was ich mache. Damit das Wasser etwas abkühlt, kippe ich mit meiner Kelle immer mal wieder was in meinen zweiten leeren Eimer. Das muss ganz professionell und gewollt aussehen, obwohl es ganz offensichtlich keinen Sinn macht nach außen, außer zur Abkühlung des so eben noch gierig aufgefüllten heissen Wassers.
Derweil versuche ich mich mit den Fingerspitzen in den Eimer tauchend nur mit der Brühe zu besprenkeln. Das ist auszuhalten. Ein kleines dickes Mädchen beobachtet mich. Sie ist drei und trägt viel zu große Badeschlappen. Ihre murmel-großen braunen Rehaugen und das braune Krause Haar zu dem dicken Bauch machen sie zu einem kleinen Hamamengel.
Als ich sie angrinse kommt sie zu mir, schiebt ihr Gesicht unter meine Haare und küsst mich auf die Wange. Ich bin ganz gerührt vor Glück:)

Zwei weitere ca. 9-jährige Mädchen stehen die ganze Zeit neben mir und tuscheln lachend. Dann kommt eine von ihnen an und fragt: “Comment tu t´apell?”
Sie freut sich tierisch darüber mit mir die Namen auszutauschen und versteckt sich giggelnd wieder hinter ihrer Feundin. Die will jetzt auch. Also wird erneut besprochen wie ich angesprochen werden kann. Und geübt natürlich. Wenn dann richtig.
Ich habe keine Ahnung mehr wie und wo ich mich noch waschen soll. Ich bin zehn mal schneller als alle anderen die schon vor mir hier drin waren und immer noch erst auf Bauchnabelhöhe sind, aber ich bin halt die Schwammlose. Und weiße und überhaupt denke ich es ist ok fürs erste Mal.

Stolz gebe ich den roten Schlüpfer, die Eimer, Kelle und Matte zurück und mache mich ans Anziehen. Natürlich nicht ohne dass ich auch in der Umkleide von allen Seiten begutachtet werde. Entspannend ist anders, aber schlimm ist es nicht. Denn alle sind immer am Lächeln und irgendwie liebevoll. Schüchtern, wenn beim Gucken erwischt aber niedlich dabei 🙂
Am Ende kriege ich noch eine halbe Mandarine und ab die Post zurück zu Jamals Onkel. Tee trinken. Eigentlich wollten wir ja los, zum Couscous Essen und saßen schon halb im Auto, als ich den Fehler gemacht habe und nochmal in den Laden des Onkels gegangen bin um aufs Klo zu gehen. Tja jetzt sitzen wir mal wieder hier und Inshallah 🙂

Händler Humor

Bin ich froh keinen Händler in der Familie zu haben. Zum fünften Mal versucht Jamals Onkel was zu Tauschen. Irgendwas. Vielleicht meine Nike Turnschuhe. Ich erkläre ihm, dass ich die brauche, weil ich nur zwei paar Schuhe für das Jahr dabei habe. Hm na gut. Das kann er ein bisschen verstehen. Aber ich könnte doch einen Teppich dafür mitnehmen. Im Zweifel will er mir den auch einfach für 60 Euro geben. Guter Preis, nur für mich, weil ich ja jetzt Familie bin. Ein Italiener müsste dafür 300 Euro zahlen sagt er.
Ich kann ihm ja schlecht sagen, dass ich diesen hässlichen schwarzen staubigen ausgeleierten Teppich in dem ein Nagel mitten drin steckt gar nicht haben möchte und sage nur, der passt nicht ins Auto. Er meint es tatsächlich nur gut, das steckt ihm halt im Blut dieses Handeln:)

Polyester Leoparden und Marienkäfer

Dann geht es endlich in die Berge. Wir lernen Jamals Bruder, Abdellah und seine zwei Schwestern und Mutter kennen. Wo der Vater ist, keine Ahnung. Die Familie lebt hier in einem kleinen Haus, von dessen offener Mitte der Ziegenstall, ein Trockenraum für Dattel, ein Esszimmer und ein paar andere Zimmer abgehen, die wir nicht zu sehen bekommen.
Die Frauen bleiben schüchtern fern. Lachen und freuen sich aber immer, wenn sie Tee bringen oder was zu essen. Der Couscous ist der Hammer, aber viel zu viel.
Weil es arschkalt hier in den Bergen auf dem mit Teppichen belegten Fußboden ist, wird jeder von uns in einen Decke eingewickelt. Ulli in einen Synthetik Polyester Mischung in Zeltgröße im Leoparden Look, Jamal trägt Marienkäfer und ich rote Rosen auf Marzipan.
Die Dinger halten mega warm. Und nachdem Jamal noch in einem Danonejoghurtfläschchen selbstgebrannten Feigen-Dattel-Absinth aus irgendeinem Haus im Ort anschleppt (Medizin gegen Kälte – ja nee ist klar 🙂 ) kommt er aus dem Reden gar nicht mehr raus.

Seinem Bruder und dessen Freund Halib wird das irgendwann zu viel. Und so enden endlich totmüde mit Leopard und Marzipanrose gegen die Kälte in unserem Auto zum Schlafen.
Für die Nachbarn sind wir am nächsten morgen der Hit. Alle freuen sich über unseren sau dreckigen Landrover hier in den Bergen vor Jamals Haus.

The End

Doch nach selbstgebackenem Brotfrühstück, Mandeln und einer ganzen Menge Tee, fahren wir dann endlich los der Sonne entgegen. Zurück ans Meer. Jedoch nicht ohne zu versprechen, falls die Straßen weiter gesperrt sind wieder zurück zu kommen und noch eine Nacht zu bleiben.
Und wenn nicht dann spätestens zum Techno Festival in der Wüste nächstes Jahr. Beslama neue Berber Familie 🙂


Inshallah.

 

 

Hier noch der passende Song der für die letzten Tage steht

 

5 Responses

  1. Elfi

    Was für Kontraste ! Da meine ich nicht nur die Farben der tollen Aufnahmen: inmitten von Naturkatastrophen erlebt ihr die Fürsorge der Bewohner – einen größeren Kick kenne ich kaum ! Bleibt gesund !! A big hug !!!

    Antworten
  2. Claudia

    Hammer, was ihr alles erlebt! 🙂 Ein Glück ist euch nicht passiert. 🙂 Aufregender kanns ja gar nicht sein. Lasst es euch gut gehen!

    Antworten
  3. Augustin

    Wahnsinn – die Bilder wirken wirklich total surreal auf mich. Ich meine… ich habe davon gehört, dass es in der Wüste auch mal regnen soll. Aber so?

    Was für ein Erlebnis, oder?

    Antworten
  4. Lena
    Lena

    Unglaublich!!!! Uns wären wir vier Wochen später noch einmal da gewesen, hätten wir sehen können, wie die ganze Wüste blüht! Das durften Freunde von uns dann erleben!:)

    Antworten

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