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Ich habe ihn gefunden, den Ort an dem mein Herz aufgeht. Mitten im Nirgendwo in der Elfenbeinküste liegt das winzige kleine Fischerdorf Grand Drewin.

Menschen, Muskeln und ne Menge Meer

Schon als wir ankommen, ist unser Auto umzingelt von Kindern, die den Mund kaum zukriegen, als wir unser Dachzelt aufklappen. Ein Auto als Wohnung, für viele unfassbar.

Wir campen vor dem Haus von Jules. Ein supercooler und herzensguter Kakao- und Maniokbauer, der sich ein wenig Geld dazu verdient mit dem ein oder anderen Surfer oder Strandausflügler, der sich hier her verirrt. Für 10 Euro die Nacht kriegen wir die krasseste Vollverpflegung. Jeden Morgen frischen Fisch, geröstet mit Attieke und scharfer Soße. Mittags gibt es oft gebratene Kochbanane oder Pommes aus Ignam sowie Avocadosalat und Obst. Abends Fisch, Reis oder Nudeln, Ignam oder Attieke. Die Küche der Elfenbeinküste ist einfach nur großartig. Dass sie dazu auch noch gesund ist, sieht man den Menschen sofort an. Im Gegensatz zu den meisten afrikanischen Ländern, wo die Menschen durch Mais, fettiges und süßes Essen oft eher stämmig sind, sind die Iviorer einfach nur reine Muskelmenschen. Kaum ein Gramm fett am Körper, bis auf die Polizei 🙂 Aber die können sich eben auch viel mehr leisten.

Jules hat drei Kinder zusammen mit seiner Frau Emma.
Princess ist die Jüngste, dann kommt sein Sohn Ange und dann Grace. Während unserer vier Wochen bei der Familie wachsen die Kids mir unheimlich ans Herz. Keinen Abend geht’s ins Bett ohne Gute-Nacht Kuss, keinen Morgen stehen Ulli und ich auf ohne frischen Blumenstrauß auf dem Tisch.

Die Sonnenaufgänge hier über dem Meer sind der Wahnsinn. Bei Vollmond spiegelt das Meer das Mondlicht so sehr, dass der ganze Ort leuchtet.

Nach zwei Tagen kenne ich alle Kinder beim Namen. Wir verbringen die Tage mit Surfen, Hula Hoop oder irgendwelchen Spielen, die wir Ihnen zeigen. Sie haben Schulferien und dadurch neben ein paar Arbeiten zu Hause sonst nicht viel zu tun.

Swiss-return und andere Surfer

Nach zwei Wochen kommen auch unsere Schweizer Freunde dazu. Nachdem wir erst den Kindern und dann ein paar Männern aus dem Dorf gezeigt haben, wie man Freundschaftsarmbänder knüpft, gehen wir in Großproduktion über. Denise zeigt Thomas, einem von Jules Brüdern, wie man Mützen häkelt. Er häkelt den Tag und die halbe Nacht durch. Es ist schon krass, wie anders die Arbeitsmentalität hier ist im Vergleich zu anderen afrikanischen Ländern. Die Jungs hier sehen die Arbeit und sind viel aufmerksamer was unsere Bedürfnisse angeht. Ständig werden wir auf Händen getragen, jeder Wunsch wird erfüllt und ich habe mich schnell an so viel ungewohnten Komfort gewöhnt und lasse es mir gut gehen. Endlich mal nicht selbst Kochen, sich um nichts kümmern oder Sorgen, ist einfach der Hammer. Ab und an kommt Karim vorbei, ein Libanese, dessen Eltern hier her ausgewandert sind. Jede freie Arbeitsminute verbringt er hier in Grand Drewin mit Surfen. Ein Wochenende kommt er mit einer Gruppe von Freunden. Malek, Karim, Anas und Yassin. Malek stammt aus Jordanien, ist aber hier aufgewachsen, Karim und Anas sind aus Marokko und arbeiten eine Weile für Malek, Yassin stammt aus Algerien und sein Vater war Botschafter hier an der Elfenbeinküste. Sie alle sind Anfang 20 doch Malek leitet bereits ein Zigarettenimperium, das er für seinen Vater hier aufbaut.

Es ist Ramadan und sobald die Sonne untergeht veranstalten die fünf ein riesen Festfressen. Es gibt Salat, Reis, Attieke, Fisch, im Anschluss Chips und Eis und nach zwei Stunden Essenpause werden Hähnchen und Pommes aufgefahren.
So krass. Um Eis zu kaufen, fahren sie mal eben spontan drei Stunden mit dem Auto nach San Pedro und zurück. Man gönnt sich ja sonst nichts 🙂
Mit der Truppe lernen wir wunderbare Freunde kennen mit einem riesen Herzen, aber auch aus einem ganz anderen Millieu als der Rest der Ivoirer, die wir bisher getroffen haben. Sie campieren hier unter Moskitonetzen im Sand und genießen ihr Wochenende raus aus Abidjan, rein ins Paradies.

Natur pur

Die Wellen hier sind der Wahnsinn, der Pointbreak funktioniert bei fast jedem Swell und wir sitzen im Wasser neben Schildkröten, die neugierig nach uns schauen.
Sogar die Schmetterlinge sind so zutraulich, dass sie immer mal wieder auf meiner Schulter oder meinem Knie landen. Ein Wochende kommt eine andere Gruppe Surfer zu Besuch. Während wir im Dunkeln Karten spielen, landet ein Schmetterling auf der Schulter von Axel und schläft ein. Stundenlanger, entspannter Schlaf auf einem Menschen. Das habe ich noch nie gesehen.

Die Fischer des Ortes stammen aus Ghana und Liberia. Jede Gruppe hat ihre Landesflagge auf dem Boot gehisst. Durch was für Wellen sie sich manchmal raus oder wieder rein in die Bucht kämpfen, teilweise im Stockdunkeln ist echt beachtlich. Ich würde mir täglich vor Angst in die Hose machen. Immer mal wieder fliegt einer der Jungs beim Rausfahren von Bord und schwimmt zurück. Heute wird dann eben ohne ihn gefischt. Und egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit sie zurück kommen, wenn sie einen guten Fang hatten drehen alle im Ort durch vor Freude. Die Kinder rennen mit riesen Schalen zu den Booten, die Frauen streiten um den besten Fisch und es ist ein riesen Gewusel und Durcheinander. Die Fischsaison beginnt im Mai und Fisch ist Grundnahrungsmittel bis sie endet. Wann immer eines der Kinder Hunger hat, läuft es in eine Hütte und holt sich einen geräucherten kleinen Fisch heraus. Der wird dann so ohne alles weggesnackt, samt Gräten. Die Kinder riechen permanent nach Fisch oder Rauch von den Räucherofen.

Kids

Es ist einfach zu spannend, was von uns zu lernen oder sich mit uns zu beschäftigen. Und so bauen wir ihnen aus einem Schutzschlauch für Strom, einem Maiskolben und Gaffa einen eigenen Hula Hoop Reifen und geben Surfkurse im Weißwasser. Einige Surfer haben ihre alten Boards als Spenden hier gelassen. Leider sind sechs der acht Boards nicht mehr brauchbar. Sie sind kaputt und es fehlt an Finnen und Surfwachs sowie Leashes. Eines der kaputten Boards erklären wir zum Surfbrett für die Kinder. Und zwei von ihnen haben ein riesen Talent. Nach wenigen Tagen surfen sie die fettesten Wellen und werden immer und immer besser. Ohne dieses ausgelutschte Board nahmen sie bisher einfach Holzbretter und versuchten sich im Bodyboarden. Viele haben nur eine einzige Hose und surfen in dieser oder eben nackt.

Ezekiel und Suleiman, meine beiden Surfkids, sind unterschiedlich wie Tag und Nacht. Suleiman ist der obercoolste Fischerjunge mit der großen Klappe, vor dem alle Angst haben. Ezekiel ist ein schüchterner, sehr sensibler Junge, der sich permanent ganz höflich für alles bedankt. Niemals hätten die beiden vorher gedacht, mal etwas gemeinsam zu machen. Seit sie sich beim Surfen mit dem Brett abwechseln und beide unheimliche Fortschritte machen, ist der Respekt unter ihnen so gewachsen. Letztens habe ich sie Arm in Arm gesehen, kumpelhaft den Strand entlangschlendernd. Das sind Momente in denen ich einfach nur happy bin.

Die kleine Grace, Ezekiels Schwester, hat mir den einen Tag von ihrem winzigen bisschen Geld einen Bissapsaft gekauft. Den sollte ich unbedingt probieren. Wie wunderbar ist das bitte? Ich hätte sie tot knutschen können vor Dankbarkeit.
Alles ist hier so unverdorben. Die Gemeinschaft funktioniert, jeder hat seine Aufgabe und keiner, der arbeitet, stellt sein Leben in Frage. Jeder produziert im Ort irgendwas, was er als Tagesbedarf an die anderen verkaufen kann. Der eine verkauft Attieke, der nächste macht Saft, die anderen Fischen, es gibt eine Dorfbar mit einem Fernseher wo Abends Filme geguckt werden können. Letztens wollten Jules Kids mit mir dorthin. Es lief angeblich ein Film für Kinder. Ich habe mich jedoch lieber an den Strand gesetzt und den Vollmond angestarrt. Nach einer Stunde kamen die meisten der Kids angelaufen, um die Fischer in Empfang zu nehmen. Als ich Grace fragte, was denn da nun für ein Film lief, sagte sie: “Irgendwas mit großen Fischen und Karate.” Ich nehme an ein Jackie Chan Film 😉

Liebes Pillen

Einen Morgen kommt eine Frau mit einem Baby auf dem Rücken und einer riesen Schale auf dem Kopf auf mich zu. Ob ich Medizin habe, fragt sie. Was die Krankheit sei, möchte ich wissen.
Keine Krankheit, sagt sie, ein Medikament für Liebe suche sie. Für Männer, damit sie Liebe machen können. Ich sage ihr, dass ich sowas nicht dabei habe, aber dass viel Krabben und Lobster Essen hilft. Das ist ein guter Tipp, sie bedankt sich und verschwindet.

Thomas, ist der einzige andere Surfer neben Ulli, ab und an Karim, und mir. Er ist in unserem Alter, kann aber weder Lesen noch Schreiben.

Sein Vater ist früh gestorben, sagt er und seine Mutter konnte sich die Schule für ihn nicht leisten. Er hat lange als Friseur gearbeitet an der liberianischen Grenze. Bis der Krieg losging. Danach auf einer Kautschukplantage, aber die Bezahlung war sehr schlecht. Jules hat ihm angeboten, bei ihm Leben zu können, wenn er hier mithilft. Also mäht er regelmäßig mit der Machete den Rasen oder geht einkaufen. Neben Thomas leben noch Cisko und Erik mit der Familie. Cisko kocht und Erik macht eigentlich gar nichts. Die drei nennen sich Brüder von Jules. Und deshalb halten sie zusammen. Allerdings haben sie nicht die gleichen Eltern. Ich frage Jules eines Tages, ob er mir das Brüdersystem mal erklärt, denn ich steige einfach nicht durch. Laut Jules ist jeder ein Bruder oder eine Schwester, der den gleichen Vater hat. Hier in Afrika gibt es immer noch viel Polygamie. Allerdings trifft ja auch der gleiche Vater nicht auf die Jungs zu. Einige erklären es so, dass ein Dorf immer aus wenigen Familien besteht und diese Familien eine Bande fürs Leben bilden. Also sind das quasi Großbrüder und Schwestern. Ich glaube, ich werde es nie verstehen, aber das ist mit den meisten Dingen hier in Afrika so. Die sind einfach nicht zum Verstehen für Europäer gedacht.

Traurige Realität

Thomas ist ziemlich depressiv, er sieht nicht so recht seine Aufgabe im Leben und ist kaum ausgefüllt mit dem bisschen Arbeit. Eine Frau wird er nicht finden, denn die heiraten nur Männer mit richtigem Einkommen. Jules hat ihm wohl versprochen, eine kleine Hütte zu bauen, in der er dann Haare schneiden kann. Aber er glaubt schon nicht mehr dran, dass das passiert. Als seine Mama krank wird mit Malaria, hat er nicht mal Geld, die Medikamente zu bezahlen. Sie kosten fünf Euro. Aber da springt Jules zum Glück ein.

Jedes bisschen Neues, was wir ihm zeigen können, wie Häkeln oder Armbänder flechten, frisst er dankbar, als wäre es das Weltwissen. Er kann sich nichts aufschreiben, merkt sich also jeden Schritt gewissenhaft. Ich kann mir nur annähernd vorstellen, was es bedeuten muss, wenn man keine Art von Bildung genossen hat und niemand einem Input gibt.

Cisko kann Lesen und Schreiben, findet aber auch keine Nische für sich. Er würde gern ein Restaurant aufmachen. Aber bei den paar Touristen, die sich hierher verirren, macht das keinen Sinn. Er trinkt das bisschen, was er verdient, einfach weg. Fast jeden Tag ist er betrunken. Palmwein ist eine sehr billige Droge. Um Thomas Lesen und Schreiben bei zu bringen, fehlt es angeblich an Zeit. Diese wird lieber sitzend und sinnierend abwartend verbracht.

Und so hat jedes Paradies auf Erden eben auch ein paar tief traurige Flecken.

Hier alle Fotos und ein Surfvideo

 

3 Responses

  1. Niko

    Und wieder freuen wir uns über fantastische Fotos und ein ein tolles Video aus Eurem Paradies. Lena, Du hast eben das echte fotografische Auge und ein feines Gesür für die Stimmungen. Ich kriege Fernweh…….
    Genießt Eure Zeit!

    Antworten
  2. Moni

    Das muss grossartig sein so ein Paradies zu finden! Schon wieder von Euch lesen und zu hören LG

    Antworten
  3. Syncro Tom

    Na bitte ………… bin ich doch nicht der Einzige, der eurem Blog folgt! 🙂
    Wieder schöne Bilder und ein toller Bericht. Ich bin nach wie vor neidisch!!!
    Schöne Reise noch!

    Liebe Grüße
    Tom

    Antworten

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