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Er lässt ein “Nein” einfach nicht gelten. “Nein”, sage ich, “ich kann nicht mit euch essen, ich muss zurück um zu sehen, ob mein Freund aus der Werkstatt wieder da ist.” “Der ist sicher noch nicht da, komm, die halbe Stunde hast du”, sagt Ahmed. “Ja, aber außerdem muss ich dringend pinkeln”, kontere ich. “Das kannst du dahinten um die Ecke zwischen den Felsen, gib mir schon mal dein Wasser und deine Schuhe”. Ich komme aus der Nummer nicht mehr raus.

Ahmed wie nett

Mit meinen Schuhen unter einem Arm und der Wasserflasche in der Hand macht Ahmed sich auf in die selbstgebaute Höhle aus Tüchern, die er und seine Familie vor einen Felsvorsprung gehangen haben. Dahinter sitzt seine Frau und kocht Tajine, davor spielen seine zwei Söhne und die Tochter. Warum will ich mich auch ständig rausreden? Warum kann ich eine Einladung von Fremden nicht einfach mal bedenkenlos annehmen? Ich weiß, dass es nett wird, aber ich bin irgendwie zu Deutsch. Ich habe nichts dabei, was ich zum Essen beisteuern könnte und deswegen habe ich schon jetzt ein schlechtes Gewissen. So ein Müll. Die würden mich doch nicht einladen, wenn sie nicht genug hätten, oder doch?
Ich gehe um die Ecke, wie Ahmed mir befohlen hat, aufs Klo und dann zurück Richtung Höhle.

Die Kids spielen mit Fufu. Ich denke ich höre nicht recht, als sie ihn Carlos rufen. Woher wissen die bitte, dass Fufu Fufu-Carlos heisst? Was für ein abgefahrener Zufall. Alle versammeln sich um ein Picknicktuch, Ahmeds Frau stellt das Essen in die Mitte, Ahmed steht bereit, um mich auf meinen Platz zu geleiten.
Es ist schon echt verrückt, wie klein die Welt manchmal ist. Gestern Abend habe ich Ahmed und seinen Sohn in Agadir beim Mechaniker gesehen. Wir haben nicht gesprochen. Die zwei sind mir lediglich aufgefallen, weil sie vor unserem Auto das Fahrrad des Kleinen repariert haben. Das war so ein niedliches Bild.

Und heute sind sie zig Kilometer von der Stadt entfernt, ausgerechnet hier neben mir am Strand.

Ich habe mich weit ab vom Trubel an einen Felsen gesetzt und den ganzen Morgen geschrieben. Fufu hat mit den Strandhunden gespielt und irgendwann war er dann bei den Nachbarn. Ahmed und seiner Familie. Sie haben ihm zu Trinken gegeben und ihn gefüttert. Ich dachte noch, die kennst du doch, als Ahmed auf mich zu kam und mir eine Stachelfrucht angeboten hat. Ich habe mich gefreut und daraufhin nicht nur eine, sondern gleich drei bekommen, die er sofort für mich geschält hat. Wahrscheinlich hätte ich zehn bekommen oder zwanzig, hätte ich nicht mehrfach gesagt, dass ich nicht mehr davon essen kann. Auch Fufu hat eine bekommen, die er natürlich voll verschmäht hat.
Als ich aufbrechen will, finde ich Fufu wieder bei ihnen und mache einen Witz, dass sie ja jetzt einen neuen Hund haben. Und so lande ich in der Höhle.

Die Kinder sitzen in Badesachen mit riesen schwarzen langen Wimpern und großen Augen um das Essenstuch herum. Bis auf den Kleinsten und die Mama sprechen alle Französisch. Und ich mittlerweile ja zum Glück auch recht ok. Ob er und sein Sohn mich nicht gestern schon in der Werkstatt gesehen hätten, fragt Ahmed. Sein Sohn hätte mich wieder erkannt. Die Tajine ist natürlich mit Fleisch und Ahmed kann nicht verstehen, warum ich nach über 15 Jahren fleischlos essens auch heute keines möchte. Vier mal muss ich erklären, dass ich mit Kartoffeln, Oliven, Tomaten und Soße super zufrieden bin. Ich bekomme das selbst gebackene Brot, während die Familie das gekaufte Baguette isst. Zum Nachtisch gibt es Tee und eine riesen sicher 15 kg schwere Wassermelone. Dann wieder Stachelfrucht. Fufu wird trotz meines Protests mit Fleisch gefüttert und genießt ebenfalls das selbst gebackene Brot. Ich kann allein durchsetzen, dass er nicht mit am Tuch speist, sondern draußen, vor der Höhle. Als Ahmed mit Joghurt für mich und einem Stück Kuchen ankommt, lasse ich beides einfach unangetastet vor mir liegen. Ich schaffe beim besten Willen nicht mehr. Fufu kriegt alle Reste! Er ist so rund, dass ich kurz Angst habe, dass er platzt. Das Essen ist super nett. Ahmeds Tochter erzählt mir, dass sie nur vier Jahre zur Schule gegangen ist. Sie mag Schule nicht, jetzt hilft sie ihrer Mutter im Haus und lernt Kochen und die Männer zu bewirten. Das scheint in Marokko für viele Mädchen ganz selbstverständlich. Leider verstehe ich Ahmed nicht gut genug, ob er das jetzt befürwortet, weil er Angst hat, dass die Frauen heut zu Tage aus ihrer Kultur ausbrechen oder ob er sie eigentlich gerne weiter zur Schule schicken möchte, aber kein Geld hat. Seine Frau nickt nur und zeigt mir mit Händen und Füßen, dass Schule nur was für Jungs ist.
Ahmed hat mehrere Jobs, er fährt Taxi, arbeitet in der Werkstatt und ab und zu am Hafen. “Ich arbeite allein für meine Kinder”, sagt er. “Das ist doch der Sinn und Zweck des Lebens.”
Die Diskussion lasse ich lieber sein. Ahmed schimpft, dass sein Land seine Kultur verliert. Alles soll modern sein. Ich erzähle ihm, wie schade ich es finde und wie erstaunt ich war, wieder nach Marokko zu kommen und zu sehen, dass die alten Mercedes, die hier als Taxen dienen, nach und nach durch Hochglanz Autos in blau und weiß ersetzt werden. Auch Taraght und Taghazout sind nicht wieder zu erkennen. Alles voller Ferienanlagen und Parkflächen für die Besucher. Ich würde gerne die Meinung seiner Frau zu vielen Themen hören. Gerade was die Emanzipation angeht, aber sie versteht mich nicht und ich sie nicht. Ahmed übersetzt immer mal wieder und sie freut sich tierisch, über jeden meiner bisschen Brocken arabisch. Die Europäer seien toll und vertrauenswürdig. 80 Prozent aller Marokkaner dagegen seien falsch. Seltsam, das habe ich schon in so vielen Ländern über die eigenen Mitbürger gehört. Glauben kann ich es jedoch nicht. Vor allem, wie viele Europäer kennt er im Vergleich und aus welchem Verhältnis heraus. Ahmed hatte mit 14 einen schlimmen Unfall. Ein Auto hat ihn erwischt. Seine eine Körperhälfte ist ziemlich entstellt. Er mag sich nicht ohne dunkle Sonnenbrille zeigen. “Mein Vater hat mich damals nach Frankreich geschickt, für die Operationen. Da war ich eine ganze Weile. Und ich muss sagen, ich mag es nicht. Zu kalt und zu viel Regen”, erzählt er. Ich muss versprechen, mich zu melden, wenn wir wieder in Marokko sind. Er habe ein Zimmer und da könnten wir wann immer wir wollen und so lange wir wollen wohnen.
Als ich nach zwei Stunden aufbreche, bin ich papp satt und glücklich. Jeder am Strand ruft mir freundlich ein “Hallo” entgegen. Irgendwie ist es echt schön in arabischen Ländern mit ihrer Gastfreundschaft. Sowas findest du in Europa einem Wildfremden gegenüber niemals!

Pimp our Terés

Alle Marokkaner, denen Fufu und ich begegnen, streicheln Fufu den Kopf. Ulli kommt kurz nach Sonnenuntergang aus der Werkstatt. Seit drei Tagen sind wir damit beschäftigt Terés zu generalüberholen. Einen Nachmittag hat allein die Autowäsche gedauert, bei der zwei Studenten 3,5 Stunden lang geputzt und poliert haben, was das Zeug hält. Und das für 6 Euro. Ich dachte ich fall gleich vom Stuhl.

Arbeitslohn wird hier nicht gerade groß geschrieben. Fünf Fahrzeuge schaffen sie am Tag, erzählt mir Abdellah. Ich frage mich, wovon sie und der Besitzer der Waschanlage leben.
Schon auf dem Weg zu Mohammed, einem Freund von Mourat, der angeblich der beste Mechaniker in der Umgebung ist, bleiben wir bereits liegen. Kurz vor der Polizeikontrolle stehen wir am Straßenrand und müssen feststellen, dass eine Umlenkrolle unseres Keilriemens sich gelöst hat. Ein Metallstück ist rausgebrochen, das Lager hat sich verabschiedet und unser Keilriemen hat jetzt einen ordentlichen Schlitz. Schöne Scheiße. Aber was für ein Glück bitte wieder, dass das nicht in der Wüste passiert ist, die wir die kompletten letzten Tage durchquert haben!

Da hätten wir aber sowas von in der Scheiße gesessen. Alles eben zu seiner Zeit 🙂
Ulli telefoniert mit Mohammed und schickt ihm Fotos von der betreffenden Rolle. Allerdings kommt dieser so schnell nicht an Teile. Wir wollen uns nicht abschleppen lassen und Ulli beschließt, ohne Keilriemen irgendwie weiter in Richtung Werkstatt zu fahren. Im ultra Schneckentempo, damit der Motor nicht überhitzt. Immer wenn die Temperaturanzeige hoch geht, halten wir an. Und so schaffen wir 13 km in sagenhaften 45 Minuten und zwar ganz ohne Hilfe. Ulli sollte bei Land Rover als Mechaniker anfangen 🙂

Außer einem Service und Austauschteilen für Terés Keilriemen kann Mohammed leider nur mit Kontakten dienen. Eine Ersatzfeder bekommt er so schnell nicht. Und so lernen wir über die nächsten Tage noch Ablall kennen, der unser Loch in der Scheibe auffüllt, dass wir uns vor 1,5 Jahren hier in Marokko geholt haben und Said, der unseren Rost am Chassis und dem Türrahmen entfernt, sowie alles neu lackiert.
“Die erste Spritze geht in die Scheibe und die Zweite? Wo willst du die hin haben?”, Ablall lacht. Diese Marokkaner und ihre Witze. “In den Hintern meines Freundes bitte”, lache ich zurück.

Arm vs Reich

Weil es für Fufu echt nicht schön ist, die Tage ständig in der Werkstatt zu sein, bin ich mit ihm heute also am Strand geblieben. Ulli ist fix und alle, als er heimkommt. Sie haben den Lack gerade noch vor der Dunkelheit komplett aufgetragen und Terés musste bei der Rückfahrt trocknen.

Richtig Ruhe finden wir auf dem Campingplatz nicht. Marokko hat Schulferien und auf dem Campingplatz sind diverse Kindercamps. Das Entertainment Programm reicht von Wettbewerben im Swimmingpool bis hin zu abendlicher Disko mit Entertainer auf einer Bühne. Witzig finde ich, dass obwohl wir in einem arabischen Land sind, nur eines von 40 Mädchen ein Kopftuch trägt. Sehr sympathisch. Als wir weiter gen Norden aufbrechen, nehmen wir dieses Mal die Autobahn und sehen so, wie die ärmeren Kinder ihre Ferien verbringen. Auf den Rastplätzen in der unerträglichen Mittagshitze beim verzweifelten Versuch, den Leuten Stachelfrüchte zu verkaufen.
Ist schon ein krasses Kontrastprogramm.

Entlang der Straße liegt ein Mann, der aussieht als wäre er tot. Völlig abgemagert und in einer seltsamen Körperhaltung, auf dem Bauch mit angewinkeltem Knie, 50 Meter vor einem Krankenhaus. Die Polizei, die vorbeigeht, scheint es wenig zu interessieren.
Auch auf der Autobahn ist es wunderschön, durch das Atlasgebirge zu fahren. Den Abend verbringen wir vor einem nicht mehr existenten Campingplatz. Die Menschen, die dort leben, freuen sich und eine Nacht dürfen wir gerne auf der Wiese stehen. Zwischen Straußen, einer Kuh, ein paar Schafen und einem Campingwagenfriedhof, unweit von Rabat.

Tierarzt, Taxi und Terés Trubel

Hier wollen wir am nächsten Morgen nur eben zum Tierarzt, um ein scheinbar für den Zoll in Europa benötigtes Amtstierärztliches Gutachten machen zu lassen, als Terés anfängt zu quietschen wie eine blöde.
Während ich mit Fufu beim Tierarzt bin, sieht Ulli also nach der Ursache des Übels.

Der Tierarzt füllt unseren mitgebrachten Checkzettel aus, ohne Fufu mehr als einmal in die Augen zu gucken. Mir soll es egal sein, ich weiß ja, dass mein Hund gesund ist. Mit all den Unterlagen soll ich jetzt aber noch zu einer anderen Stelle, wo ein Kerl von der Regierung einen Stempel unter das Dokument setzt. Na klar, wäre ja auch zu schön gewesen, wenn das alles hier ginge. Seine zehn Minuten Zettel ausfüllen kosten 20 Euro.
Dafür kennt er eine 4×4 Werkstatt gleich um die Ecke.
“Die Dieselpumpe spinnt rum”, sagt Ulli, als ich mit Fufu raus komme. Als wir – 200 m weiter – beim Mechaniker ankommen, leckt es. Auf einmal ist eine riesen Pfütze unter dem Auto – Bremsflüssigkeit.
Wir machen Arbeitsteilung. Er kümmert sich um Terés, ich mich um Fufu.

Und so laufe ich über eine Stunde mit ihm durch Rabat, in der Hoffnung entweder in der richtigen Richtung zum Regierungsmann zu sein, oder ein Taxi zu finden, das uns mitnimmt. Das ist gar nicht so einfach ohne Straßenkarte und mit offenbarem Hundeverbot in Taxen.
Jedes Taxi, das anhält, erklärt mir lediglich, dass es noch sehr sehr weit sei und fährt dann weiter.
Als ich zum vierten Mal bei 36 Grad in eine andere Richtung geschickt werde, starte ich noch einen letzten Anhalteversuch des klapprigsten Taxis des Tages. Und siehe da, der Fahrer, der kein Französisch spricht nimmt uns mit. Doch nicht ohne sich von einem anderen Marokkaner noch mal versichern zu lassen, wohin wir wollen. Fufu muss hinten in den winzigen, geschlossenen Kofferraum, damit wir nicht erwischt werden. Der springt bereitwillig hinein, Hauptsache der endlosen Hitze entkommen. Der Taxifahrer erklärt mir mit Händen und Füßen, wie toll es ist, dass Fufu keinen Mucks von sich gibt. Er ist irgendwie ein echt redseliger Kerl, ich verstehe allerdings kein Wort, denn ich spreche ja kein Arabisch. Das hält ihn jedoch nicht ab, tausend Fragen zu stellen.
Witziger Typ. Als wir an der Adresse ankommen, die auf dem Zettel steht, den der Tierarzt mir gekritzelt hat, ist von einer Regierungsstelle keine Spur. Lediglich ein Krankenhaus, eine Kirche und ein riesen Supermarkt.
Und so lerne ich Mohammed kennen. Der studiert Tourismus und hat gerade Semesterferien. Ihm ist langweilig und er freut sich tierisch, mit mir nach der Adresse zu suchen. Und keine zehn Minuten später finden wir hinter einen unscheinbaren Steinmauer, über einen staubigen Platz hinweg, ein winziges Schild an einem kleinen Häuschen, das dieses als richtige Adresse ausweist. Mohammed stellt sicher, dass die drinnen auch wissen was ich will, obwohl hier Englisch und Französisch gesprochen wird, und macht sich dann aus dem Staub.

Doch auch hier ist es mit einem Stempel nicht getan. Zuerst muss ich zu einer Bank, um das Geld für den Stempel einzuzahlen. Dann mit der Quittung zurück kommen und dann bekomme ich den Stempel. Meine Erschöpfung steht mir ins Gesicht geschrieben, als der Typ hinterm Schreibtisch verkündet, dass die Bank ganz schön weit weg ist.
Ich darf Fufu hier im Schatten parken unter der Versicherung, dass er keine Menschen anfallen wird.
Und so ist es viel einfacher, ein Taxi zu finden. Zumindest geht so einfach. Mohammed kommt sofort und fragt, ob ich nicht seinem Bruder Geld geben will, der würde dann für den heutigen Tag mein privates Taxi spielen, bei all dem was ich scheinbar zu erledigen habe. Aber ich lehne dankend ab. Also erklärt er dem Fahrer des Sammeltaxis, wo ich hin will und fragt nach dem Preis. Seltsam, dass dieser mir dann kein Wechselgeld gibt. Als ich mich beschwere, zuckt er nur mit den Schultern. Er spricht ebenfalls kein Französisch, setzt mich aber genau vor der Bank ab, die hinter tausend Nebenstraßen liegt. Hätte ich allein nie gefunden, scheiß auf die 30 Cent mehr.
Glücklich mit meiner Quittung in der Hand mache ich mich auf zurück zur Hauptstraße und zahle für den Rückweg nicht mal die Hälfte des Hinweges. Diese scheiß Geschäftemacher.
Egal. Als ich Fufu abhole, pennt der vor dem Haus im Schatten und merkt nicht mal, dass ich komme. So viel zum Thema Menschen anfallen.
Der Regierungstyp checkt seinen Chip mit einem Lesegerät und ärgert sich, dass der Titertest nicht auf Englisch sei. Er fängt gerade damit an, dass wir dem Labor doch nochmal schreiben sollen, dass diese eine Übersetzung schicken, als ich ihn abwürge und sage, beim nächsten Mal. “Tut uns leid, aber wir reisen Morgen aus”.
Stöhnend, setzt er endlich seinen Stempel.

Dann sind Fufu und ich raus. Ich habe beschlossen keinen weiteren Taxiversuch zu starten und einfach zu versuchen, zu Fuß zurück zur Werkstatt zu finden. Und so laufen weiße Frau mit Fiffi an der Leine in der Mittagshitze durch Rabat. Dass ich weiß bin, fällt mir in Marokko allerdings gar nicht mehr auf. Nach Schwarzafrika sehen hier gefühlt alle aus wie ich. Finden manche umgekehrt aber gar nicht. Naja. Ich frage einen Taxifahrer, ob ich richtig laufe und bin total stolz, als der mir sagt das ja. Er fragt, ob er mich ein Stück mitnehmen soll, er fährt mit anderen Gästen eh in die Richtung. Ich habe keine Ahnung, wie weit es noch ist und zeige nur Schultern zuckend auf Fufu. “Kein Problem”, sagt er. “Und der Preis?”, frage ich. “Gib mir einfach drei fünf Dirham”, antwortet er. Ich werfe ihm einen Handkuss zu und steige ein. Fufu darf zwischen meinen Beinen sitzen. Den Handkuss möchte ich schon wieder zurück nehmen, als wir nach drei Minuten an einer Kreuzung sind und er sagt: “Hier einfach immer geradeaus, schönen Tag noch”. Man, hat der doch glatt schon wieder ein gutes Geschäft gemacht. Da ich mir abgewöhnt habe, mich über Geld zu ärgern, zumindest theoretisch, laufe ich einfach in die Richtung, in die er gezeigt hat und atme tief ein.
In der Werkstatt angekommen ist Ulli alles andere als begeistert. “Du musst denen echt mal wieder bei jedem Handgriff über die Schulter schauen, sonst machen die alles kaputt”, flucht er leise.
Scheinbar hat ihm keiner geglaubt, dass die Ursache der auslaufenden Flüssigkeit unsere Bremse ist. Also haben sie eine Stunde rumgedoktort, bis sie dann selbst darauf kamen. Die Bremsleitung war völlig durch, ist nun aber ausgetauscht.

Gerade sind zwei Mechaniker dabei, sich der Dieselpumpe zu widmen.
Als ich Ulli von der Beschwerde des Regierungstypies erzähle, dass Fufus Titertest nur in Deutsch ist, lacht er.
“Die englische Übersetzung steht genau da drunter.”
Ich habe mir das Dokument nie angesehen und breche ebenfalls in Lachen aus. Der Typ hat sich das Dokument fast 1,5 Stunde angesehen und das übersehen? Oh man.
Beim Testen unserer Dieselpumpe schießt einer der Mechaniker sich den ganzen Sprit daraus ins Auge. Arme Sau. Die Pumpe ist kaputt, einen Ersatz gibt es so schnell nicht. Allerdings versichert uns der Chef der Werkstatt, dass wir auch ohne sie fahren können. Völlig konsequenzenfrei. Und so machen wir es. Die Mechaniker kloppen die Pumpe wieder rein, was Ulli dazu bringt, die Hände über dem Kopf zusammen zu schlagen. Er hat selbst vor mehr als einem Jahr knapp einen Tag in Mauretanien damit zugebracht, die Dieselpumpe zu versuchen wieder einzubauen. Er weiß jetzt wo sein Fehler damals lag. Die Mechaniker winken aber nur ab, als er helfen will.
Das wird später noch lustig.

Ohne Dieselpumpe fahren, findet Ulli Scheiße und so schaltet er sie wieder ein, obgleich sie fies kreischt. Und so quietschen wir auf der Autobahn gen Norden von Marokko. Morgen wollen wir nach Spanien übersetzen und heute noch so weit wie möglich kommen. Als auf einmal das Handy klingelt.

African friends – das Verrückteste was es gibt

Karim ist dran. Karim ist einer der Jungs, die wir in der Elfenbeinküste kennengelernt haben und mit denen wir viel Zeit verbracht haben. Er hatte damals ein Praktikum in Abidjan gemacht, kommt aber aus Rabat. Sein Cousin hat ihm eben geschrieben, dass wir in Rabat sind. Und deshalb hat er alles stehen und liegen lassen, um uns zu sehen. Wir freuen uns riesig ihn zu hören, aber Ulli ist ganz und gar nicht in Treffen Laune. Er ist müde und hat Kopfschmerzen und will nur noch irgendwo ankommen.
Das erkläre ich Karim, der meint, dann sehen wir uns halt im November. Als keine 30 Minuten später ein Auto links neben uns fährt und Karim am Steuer sitzt. Der Verrückte. Ich rufe ihn an und wir treffen uns an der nächsten Autobahnraststätte. “Ich wollte euch wenigstens kurz Hallo sagen”, lacht Karim und drückt uns. Ich freue mich riesig, ihn zu sehen. Er hat einfach so eine tolle entspannte Ausstrahlung, dass es einfach gut tut, ihn in die Arme zu schließen. “Ich war gerade bei meinem Opa auf dem Feld, zwei Stunden von hier, als Anas mit erzählt hat, dass ihr da seid. Ich habe mich ins Auto gesetzt und bin losgefahren. Ich weiß ihr seid müde, aber ich will nur kurz Hallo sagen und dann könnt ihr weiter. Hier ich habe Salat für euch”, lacht er und holt zwei riesen Salatberge aus dem Auto.
“Meine erste Ernte”, erzählt er, “ganz frisch”. “Wie Ernte?”, frage ich.
“Ach wisst ihr, als ich aus Abidjan wiederkam, habe ich ja meinen Master fertig gemacht. Alle meine Kommilitonen haben sich ins Berufsleben gestürzt, aber ich habe mir gedacht, nö. Ich habe also einen weiteren Master angefangen, bei dem ich nur am Wochenende Vorlesungen habe. Unter der Woche arbeite ich bei meinem Opa auf dem Feld oder mache was mir sonst so gefällt. So kann ich prima beobachten, wie es den Anderen so ergeht und für mich rausfinden, was ich wirklich will”, erklärt Karim.
Ich bin völlig baff und freue mich zugleich riesig. Ich habe die Jungs als super krasse Arbeitstiere erlebt, die ihren Spaß nie zu kurz kommen lassen, aber doch auch wirtschaftsorientiert sind. So cool, dass Karim das jetzt in Frage stellt und gegen den Strom schwimmt.

Ulli freut sich ebenfalls total Karim zu sehen und fängt an zu straucheln, als dieser vorschlägt, zu seinem Bruder in die nächste Stadt zu fahren und den Abend gemeinsam zu verbringen.
Und das machen wir dann auch. Zumindest in die nächste Stadt fahren. Kaum dort angekommen hält Karim an einem Kreisel und deutet uns, hinter ihm zu parken.
“Wisst ihr was, ich habe mir gerade überlegt, wir machen es anders. Passt auf, meine Eltern haben ein Ferienapartment im Norden am Meer. Das ist total nett, da fahren wir jetzt einfach hin und verbringen da den Abend. Ihr könnt dann morgen früh auf die Fähre und ich fahre wieder zurück. Es sind nur 300 Kilometer bis dahin”, er lacht hinter seiner Brille mit den schwarzen Gläsern. Wir sind dabei. Mittlerweile sind wir weg von unserer deutschen Unflexibilität, die wir eben schon wieder an den Tag gelegt hatten und fahren ihm einfach hinterher. Was auch immer. “Ich weiß auch nicht, warum ich immer erst nein sage”, sagt Ulli. Ich muss schmunzeln, genau wie bei mir mit Ahmed, schon verklemmt wir Deutschen.

Wir fahren durch die schönsten Landschaften aus gelben und grünen Feldern, an schlafenden Kuhhirten vorbei, die in der untergehenden Sonne dösen. Einige Frauen sind sogar dabei. Die Berge färben sich im Abendlicht rosa und ich bin so glücklich, dass wir so tolle Freunde wie Karim auf der Reise gefunden haben. Keiner, wirklich keiner meiner Freunde in Deutschland wäre so verrückt, wie diese Jungs hier. So spontan und durchgeknallt, mal eben fast 700 Kilometer für uns durch die Gegend zu fahren, um am Ende vielleicht drei Stunden gemeinsame Zeit miteinander zu verbringen. Die Sonne ist bereits untergegangen, als wir an einem Restaurant in den Bergen im Norden anhalten. Wir essen warmes Buffet und neben uns am Tisch wird lustigerweise Deutsch gesprochen. Wir sind echt überall 🙂

Das Ferienaparment von Karims Eltern ist in dem schönsten Komplex, den ich bei sowas je gesehen habe. Es ist uralt und aus Lehm. Die Wände sind weiss verputzt, die Geländer und Fensterrahmen sind blau. So wie viele Medinas in Marokko. Überhaupt wurde der ganze Komplex so aufgebaut, als ob du durch eine Medina schlenderst. Wunderschön. Wir quatschen noch eine Weile auf dem Balkon. Es ist bitterkalt hier im Norden, die Wellen brechen laut auf den Strand. Unser letzter Abend auf diesem Kontinent. Ich kann es kaum glauben. Ich bin sehr traurig und möchte nicht gehen. Ich habe ziemlich große Angst, wieder nach Europa zu kommen. Zu oft bin ich schon von einem längeren Aufenthalt im Ausland zurück gekommen und alles hat sich im Nu wie ein Traum angefühlt. Was mich tröstet, ist das Wissen, dass wir schon im November wieder in Afrika sein werden. Zumindest sagt das unser Mietvertrag einer Wohnung genau am Meer mit Surfspot vor der Tür, die wir gemietet haben.
Im 1,40 Meter Bett von Karims Mama, unter Ankerbettwäsche und neben zig Paaren von Gummibadelatschen, machen Ulli und ich es uns gemütlich. Karim schläft zu einem Horrorfilm auf der Couch ein. Obwohl es eisig kalt ist, springt er am nächsten Morgen kurz ins Meer. Um neun muss er schon wieder zurück.
“Du bist so weit gefahren für das bisschen Zeit”, sage ich.
“Wieso, hat sich doch total gelohnt, vielleicht komme ich Morgen wieder hier her, ich mag es hier”, lacht er. Wir versprechen uns – Inshallah – uns im Herbst wieder zu sehen.

Wir laufen aus

Und während Karim schon wieder unterwegs ist, frühstücken wir seinen Salat am Strand. Vor uns baut ein Marokkaner gerade den Sonnenschirm auf arabisch auf. Ein Schirm, an dem ringsum Tücher befestigt werden, die bis in den Sand reichen mit einem Eingang vorne zum Meer.
Auf dem Weg zur Fähre fahren wir an einem Händchen haltenden Pärchen vorbei. Ist auch das erste Mal, dass ich das bei Marokkanern in der Öffentlichkeit sehe.
Gerade haben wir von einer Marokkanerin, die in Deutschland lebt und mit ihrem Mann gerade auf Familienbesuch ist, gelernt, dass Marokkaner zwei Leben leben. Das Außen und das Innen. Innerhalb des Hauses ihrer Familie, erzählt sie, essen alle gemeinsam am Tisch. Wenn sie am Strand essen, bekommen die Männer, die separat sitzen, zuerst. Die Frauen im Anschluss. Das würde sie immer tierisch ärgern, weil es so sehr darum geht, was andere von ihnen denken.
Ich fahre und finde es todlangweilig. Seit wir Nouadhibou erreicht haben, ist alles nur noch heile super Teerstraße und katastrophenloses geradeaus fahren. Das halte ich nicht mehr aus. Deshalb muss Ulli meist übernehmen. Irgendwie hatte Autofahren in Afrika für mich was von Yoga. Ja ich würde soweit gehen zu sagen, es ist Yoga. Denn du bist so damit beschäftigt zu fahren und niemanden umzufahren, dass du an nichts anderes denken kannst. Schon fast meditativ.
Hier weiß ich manchmal gar nicht mehr, wie ich von einer Stelle zur anderen gekommen bin.
Das Fährticket ist mit 125 Euro echt günstiger als gedacht. Wir tanken in Ceuta, als ich plötzlich aufschreie und wild dem Tankwart gestikuliere aufzuhören. Der gesamte Diesel läuft aus unserem Auto unten wieder raus.

“Diese scheiß Mechaniker”, schimpft Ulli. “Die haben sicher die Dieselpumpe nicht richtig eingebaut.” Tja, die Garantie, auf die uns der Werkstattchef noch hingewiesen hat, gilt nur bis wir das Land verlassen. Und das haben wir vor fünf Minuten.
Der Tankwart bleibt ganz cool, erklärt irgendwas auf Spanisch, bei dem Ulli wie ich nur Spanisch verstehen und holt Salz, damit der Diesel aufgesaugt wird.
Wir fahren Richtung Fähre. Was mir auffällt, ist, wie dick hier alle sind. Zigtausend Spanier in engen Sportklamotten sind hier am Joggen und Fitness machen am Strand. Aber alle sind sie fettleibig. So doll, dass es einem einfach mega auffällt. Liegt das an der Ernährung? Am Bewegungsmangel? Kein Plan.

Weil die Fähre erst in zwei Stunden fährt, kleiden wir uns bei Decathlon neu ein. Leggins und T-Shirts zum Billigpreis sollen unsere völlig durchlöcherten, vom Sand und Schweiß für immer verfärbten Kleider ersetzen. Wir sind jetzt immerhin wieder in Europa…
Irgendwie fühlt es sich auch gut an, mal wieder was heiles in original Farbe zu tragen und so schmeiße ich mich gleich für die Überfahrt in meine neuen Kleider. Wie sich rausstellt, war das eine sehr gute Idee, denn die Fahrt wird mega kalt. Ich kann es im Schiff nie aushalten und muss im Raucherbereich an Deck stehen, um nicht zu kotzen. Ein kleines Mädchen hat hier, wie ich vor fünf Minuten noch, nur einen Rock an und steht ständig nur im Schlüpfer da. 🙂
Ich fühle mich schlecht. Ein paar zerrockte Teenager haben auf dem Tankstellendach vor der Fähre gehockt und Scheiße gebaut. Sie haben um Geld gebettelt und ich habe wie immer nein gesagt. Automatismus. Jetzt weiß ich nicht, ob sie nicht vielleicht Flüchtlinge sind.

Ist schon krass, die Fähre braucht nicht mal eine Stunde, die Einreise nach Europa war ein Witz und so starre ich auf die Wassermassen, die das Schiff mit ungeheurer Wucht verdrängt. Ich kann nicht fassen, dass genau bei dieser Überfahrt ständig Menschen ihr Leben lassen und mag mir diese windige Meerenge nicht bei starkem Seegang auf einem kleinen alten Karren vorstellen.

Wir sind auf dem Weg nach Hause. Mein Herz tut weh. Afrika fehlt mir mit jedem Meter den wir uns entfernen immer stärker.

Ich muss mir die Tränen verkneifen. Und ich kann nicht anders als an Ayo denken, dir wir jetzt komplett auf diesem Kontinent zurück lassen. Wie aufregend sie es fände mit uns auf dem Schiff, im Sturm des Fahrtwindes und dem unendlich intensiven Geruch nach Fisch, Salz und Freiheit den Ozean zu überqueren. Stattdessen liegt hier jetzt ein kleiner brauner Fuchs an meine Beine gekuschelt und versucht sich vergeblich vor dem Wind zu verstecken. Ach Fufu.
Schon von Weitem sehen wir im Hafen von Gibraltar ein Containerschiff, mit der Aufschrift – Hamburg…

2 Responses

  1. Syncro Tom

    Hallo ihr zwei,
    ich habe eure Reise Bericht für Bericht verfolgt und danke euch für das Teilen.
    Fast schpn schade, dass es nun zu Ende ist.
    Ich hoffe, ihr habt wieder Fuß gefasst und ich würde mich freuen, wenn ihr auch kommende Reisen mit uns Reiseträumern teilen würdet.
    Viele liebe Grüße aus dem Schwarzwald!
    Tom

    Antworten
  2. Lena
    Lena

    Hallo lieber Tom!:) Tausend Dank für deine lieben Worte und fürs mitreisen!!! Na klar wirst du wieder von uns hören!! Ab November ziehen wir erstmal eine Weile nach Marokko und wer weiß was danach kommt:) Langweilig wirds sicher nicht!:)) Liebste Grüße aus dem kalten Norden!!!:)

    Antworten

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