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In einem Moment kann Afrika so schön und warm und herzlich sein, im nächsten so erbarmungslos brutal.

Grausamer Fund

Es ist kurz nach sechs Uhr morgens. Sie liegt auf dem Rücken und atmet schwer. Das Blut ist ihr in die Augen gelaufen, sie kann nichts sehen. Wie lange sie schon auf dem Rücken gedreht hier herumliegt, wie lange die Sonne schon erbarmungslos auf sie brennt, das aus ihrem Kopf weichende Blut ihr die Sinne raubt – keine Ahnung.
Auf jeden Fall wurde sie zurückgelassen, um zu sterben.

Auf dem Weg den Strand entlang zum Surfen ist der Schock groß. Vier ausgeraubte Schildkrötennester. Das sind über 400 Eier, denn eine Schildkröte legt in so ein Nest locker über 100 Stück. Immer wieder haben wir bereits morgens ein Loch und daneben Stöcker, sowie ein abgebrochenes Plastikgefäß gefunden. Beweise dafür, dass Einheimische die Täter waren und nicht etwa Hunde.
Schildkröteneier sind hier eine begehrte Speise. Die Menschen hier sind arm und seit die Brutzeit der Schildkröten Anfang September losgegangen ist, gehen sie nachts den Strand ab und lauern den Schildkröten auf, die im Dunkeln zum Brüten an den Strand kommen.
Das Schlimme ist, die Schildkröten sind vom Aussterben bedroht. Das versteht hier aber keiner, oder es interessiert sie nicht. Von den über 100 Eiern überleben vielleicht zehn Prozent. Wenn die Nester ausgehoben werden überlebt in diesem Fall keins.
Immer wieder fangen Fischer in ihrem Netz eine Schildkröte. Die wird dann gegessen. Dass das illegal ist, ist hier jedem Wumpe. Bestraft wird dafür niemand. Die Polizei geht hier selten mal ihrem Job nach und in den entlegenen Dörfer gibt es gar keine.

Erst am Samstag hat Akwasi in nächsten Dorf eine riesen große Leatherback-Schildkröte in den Händen von Fischern gesehen. Ein neuer Sport scheint zu sein, sich die Schildkröten gegen Lösegeld, das der eine oder andere Europäer bereit ist zu zahlen, freikaufen zu können. Die letzte scheinbar glücklich freigekaufte und freigelassene Schildkröte wurde laut Dorftratsch einfach kurz vor Ende der Bucht wieder eingefangen und gegessen. Aber der Fischer hat mal eben 70 Dollar verdient. Ein lukratives Geschäft.

Die leeren Nester an diesem Morgen sollen jedoch nicht schlimm genug sein. Die Hunde, die uns von der Lodge her gefolgt sind, rennen aufgeregt ins Gebüsch und schlagen an.
Wir folgen Ihnen und da liegt sie vor uns. Eine große Schildkröte, die zum Brüten an den Strand gekommen ist und der jemand im Anschluß den Kopf mit einer Machete eingeschlagen hat.
Jeder von uns ist sprachlos, entsetzt und schockiert von so viel Grausamkeit vor uns.
Entweder haben wir hier jemanden aufgeschreckt, der lieber das Weite gesucht hat, oder die Schidlkröte wurde bewusst zum Sterben hier gelassen, um dann später zum Essen abgeholt zu werden.

Was tun?

Als sie unsere Stimmen hört, bekommt sie Angst. Sie kann nichts sehen und fängt an, mit den Flossen wie wild zu Rudern. Ihre letzte Energie aufzubrauchen. Wer weiß, wie lange sie schon versucht, sich irgendwie umzudrehen, um zurück ins Meer zu kommen, das sie von Weitem hört.
Ihr schweres Atmen klingt wie ein durchtrennter Schnorchel. Ich kann nichts weiter sagen als Scheiße, was für eine Scheiße, du Arme, was für eine riesen Scheiße, die Arschlöcher. Tränen laufen mir übers Gesicht. Die Jungs stehen ebenso hilflos wie ich neber ihr. Wir müssen sie umdrehen denke ich. Wir müssen wenigstens versuchen, ihr ihre Panik zu nehmen und die Blutungen zu stoppen. Erstmal gucken, wie schwer sie tatsächlich verletzt ist und sie dann umbringen, um ihr das Leiden zu verkürzen oder sie versuchen zu retten.

Gedacht getan. Wir hiefen sie auf den Bauch zurück und sie fängt an, sich blind im Kreis zu drehen. Das Blut verklebt ihre Augen und sie hat große Angst. Als sie ruhiger wird, kann ich mir ihre Verletzungen besser ansehen. Sie hat mehrere Schnitte im Kopf. Auf der linken Seite hinter ihrem Auge ist der Schnitt so tief, dass er sicher das Auge zerstört hat. Die ganze Schale am Kopf ist aufgerissen bis runter zum Maul. Das Innenleben kommt weit raus. Auf der anderen Seite ist der Schnitt nicht ganz so lang und tief. Dafür hat sie einen weiteren leichten Schnitt unter ihrem Maul.
Wer ist nur fähig dazu, einem Tier so viel Leid zuzufügen. Zu Töten, um zu Essen ist eine Sache, aber zu malträtieren und zu Foltern und das Tier dann elendig selbst verrecken zu lassen ist einfach nur abartig und respektlos gegen das Leben!

Akwasi steht völlig neben sich. Er reibt sich die ganze Zeit mit der Hand den Kopf, als ob so ein klarer Gedanke kommen kann. Dann verschwindet er. Ich rufe ihm nach, dass er eine Machete bringen muss. Wir müssen sie von ihrem Leid erlösen. Sonst liegt sie so vielleicht noch Tage hier rum.
Die anderen Mitarbeiter sind gekommen. Sie überlegen, ob wir die Schildkröte hier lassen sollen und uns auf die Lauer legen. Sie glauben, dass die Täter nur darauf warten, dass wir verschwinden und sobald es heute Abend dunkel wird zurück kommen, um die Schildkröte zu holen. Weit entfernt können wir ein paar Dorfbewohner am Strand sehen, die uns offensichtlich beobachten. Die Wissen was hier los ist. In ein paar leeren Kokosnussschalen hole ich Meerwasser und versuche ihr die Augen ein wenig von dem Blut zu befreien. Vincent, der hier neuerdings mit uns arbeitet, hat sein Handy geholt und wir googlen nach Methoden, wie wir die Schildkröte verarzten können. Sie scheint noch eine Menge Energie zu haben, vielleicht hat sie genug Willenskraft, um zu Überleben.

Versuchter Aufschrei

Akwasi ist zurück mit einer Machete. Er hat für sich entschieden, die Schildkröte auf den Transporter zu laden und in den Ort zu fahren. Er will mit ihr vorm Dorfchef vorsprechen und den Bewohner diese Gräueltat vor Augen führen.
Ich bin dagegen, das würde so viel extra Stress für sie bedeuten. Falls sie überhaupt eine Chance hat, müssen wir sie jetzt versorgen.
Akwasi setzt sich durch. Jimmi schnappt sich einen Stofffetzen, der irgendwo am Strand rumliegt und gemeinsam heben sie die Schildkröte umgekehrt auf Jimmis Kopf. Das Tier strampelt wild, als Jimmi so schnell wie möglich mit ihr zum Transporter läuft. Links und rechts von Carlos, Paul und Akwasi begleitet, die gucken, dass sie ihm nicht vom Kopf fällt. Das Blut läuft ihr nur so aus dem Schädel. Ich bete.

Während die Jungs mit ihr auf der Ladefläche mit dem Transporter davonjagen, heben Vincent, Ulli und ich ein Loch aus in unserem Schildkröteneier-Gehege. Darein legen wir eine Plane, füllen das Loch mit etwas Meerwasser auf und spannen eine weitere Plane gegen die Sonne darüber. Gerade als die Jungs mit der Schildkröte zurück kommen, sind wir fertig.
Wir lassen sie langsam in das bisschen Wasser. Sie entspannt etwas. Wir haben gelesen, dass sie nicht zu viel Wasser haben darf, damit das nicht in ihre Wunden läuft. Die Wasche ich ihr mit klarem Wasser erstmal aus. Danach machen wir regelmäßig ihren Panzer nass und versuchen sie so viel wie möglich in Ruhe zu lassen.

Das Vorsprechen im Dorf hat nicht viel Ergeben, außer das der Dorfchef noch gefragt hat ob die Schildkröte nicht dableiben kann. Immerhin sei sie ja eh so gut wie tot…
Immerhin kostet Vorsprechen Geld und so hat die Gemeinschaft wenigstens noch was an der Aktion verdient…

Hilflose Hilfe

Vincent kennt ein Schildkröten Rettungszentrum in der Türkei, das er anruft und dem er dann Fotos der Verletzungen schickt. Akwasi versucht parallel ein Zentrum in Benin zu erreichen, deren Kontaktdaten im Internet allerdings nicht stimmen.
Die Antwort aus der Türkei lässt den ganzen Nachmittag auf sich warten. Am Ende raten sie uns lediglich einen Tierarzt zu rufen und sie ansonsten zurück ins Meer und sich selbst zu überlassen. Toll.
Einen Tierarzt. Auf die Idee sind wir auch schon gekommen. Das Problem hierbei ist jedoch, dass die Tierärzte noch nicht einmal wirklich fähig sind Hunde oder Katzen zu behandeln. Wie soll das bei einer Schildkröte laufen.

Spät abends bekommt Akwasi einen Anruf von einem Bekannten, der für das Rettungszentrum in Benin arbeitet. Wir sollen die Schildkröte versuchen mit Seegras oder Quallen zu füttern, ihr den Kopf nähen lassen und alle zwei Stunden das Wasser wechseln, damit sie genug Sauerstoff bekommt. Toll, nichts davon haben wir bisher getan.. Wir haben weder Seegras noch Quallen und es ist bereits zu dunkel, um das eine oder andere suchen zu gehen. Also versuchen wir ihr Blätter aus dem Garten zu füttern und wechseln ihr Wasser noch ein paar Mal vorm Schlafen gehen.

Morgens um sechs hat sie noch immer nichts gefressen. Ich wechsel erneut ihr Wasser, mache ihren Panzer nass und versuche, während ich beim Surfen auf Wellen warte, jeden Schnipsel Seegras, den ich sehe, einzusammeln und in meine Badehose zu stecken.
Was dann passiert ist ein echtes Schauspiel. Erst krabbelt ein Krebs auf mein Surfbrett und versucht irgendwie am Seegras, was aus meiner Tasche schaut, zu knabbern. Dann kommt ein kleiner Fisch und schwimmt penetrant um mich rum und versucht immer wieder an meine Tasche zu kommen. Egal wie oft ich ihn wegscheuche, er kommt immer wieder. Was ein abgefahrener Morgen.

Die Taschen voller Seegras stacksen wir nach nach unserem Surf in Richtung Schildkrötengehege. Sie beäugt das Seegras jedoch nur, dreht sich im Kreis, versenkt alles unter sich und versucht die Plastikfolie nach oben zu robben in Richtung Meer. Wir beobachten sie für eine Weile. Die Wunden sehen furchtbar aus, aber sie bluten nicht mehr, wir werden sie eh nicht nähen lassen können und wenn sie weiter nichts frisst, verliert sie nur an Kraft. Sie scheint gehen zu wollen, bereit zu sein, es zu versuchen. Und so entschließen wir uns, sie ziehen zu lassen bevor es zu heiß wird. Akwasi und Ulli tragen sie an den Strand und setzen sie ab mit Blick aufs Meer. Doch kaum ist sie frei scheint sie es sich anders überlegt zu haben. Sie rührt sich nicht. Minuten scheinen zu vergehen, dabei sind es in Wirklichkeit sicher nur Sekunden. Aber die Spannung ist zum Schneiden groß. Dann macht sie einige zielstrebige Schritte auf das Meer zu. Wir halten die Luft an. Und wieder Stillstand. Zwei Meter vom Meer entfernt verweilt sie, lässt den Blick durch ihr eines Auge übers Meer schweifen. Sie scheint ein letztes Mal Kraft zu Sammeln für das was kommt. Sie atmet ein und marschiert los. Doch kaum berühren ihre Flossen das Wasser, dreht sie sich nach links und versucht seitwärts einzutauchen. Wir haben Angst gehabt, dass ihr Gehirn beschädigt ist und sie Probleme haben wird sich zu orientieren. Aber daran scheint es nicht zu liegen. Sie will das Meer sehen, aber nur noch ihr rechtes Auge funktioniert. Die nächste Welle spühlt sie erbarmungslos zurück an den Strand. Sie scheint zu verstehen, dass sie sich jetzt einäugig auf ihre Instinkte verlassen muss und dreht sich mit aller Kraft geradeaus in die nächste hereinrollende Welle. Die schlägt über ihrem Rücken zusammen. Wir halten den Atem an. Mit ihrem schweren Panzer schiebt sie sich ins Meer hinaus und die nächste Welle verschluckt sie unter sich.

Wir stehen noch mehrere Minuten sprachlos und mit Gänsehaut am Strand und starren aufs Meer hinaus. Jeder von uns scheint all seine Energie und Kraft mit ihr hinaus aufs Meer zu schicken. Viel Glück Schildkröte, jetzt liegt es an dir.

 

 

Hintergrund: Schildkröten kommen in Westafrika in Ländern wie Ghana von August bis März an Land um ihre Eier zu legen. Kaum jemand hier kümmert sich um ihre Erhaltung. Einige Lodges wie Escape 3 Points, versuchen die Schildkröten und ihre Eier in dieser Zeit so gut wie möglich zu schützen. Das beinhaltet nachts Kontrollgänge am Strand zu machen und die Eier sicher zu stellen, sie in einem Gehege aufzubewahren bis die kleinen Schildkröten schlüpfen. Anschließend werden sie ins Meer freigelassen. Hierbei ist Hilfe dringend gefragt! Frewillige die am Strand Patrouille gehen, sowie Zentren für Aufklärung und die eventuelle Versorgung verlezter Schildkröten sind dringend nötig. Wer helfen will, einfach eine Email an

email@escape3points.com

 

www.escape3points.com

Eine Antwort

  1. Moni

    Oh, nein! Wann sehen wir Menschen endlich ein das jede Kreatur genauso Schmerz empfindet wie wir selbst!

    Antworten

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