Registrieren

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.


Ein Passwort wird per E-Mail an Sie geschickt

Wenn dein Auto von innen schimmelt, von außen rostet und du außer einem Sack voll stinkender Dreckwäsche nichts Sauberes mehr zum Anziehen hast, weißt du: die Regenzeit hat begonnen. Gott, wie halten die Menschen das nur aus? Ich dachte – ach ja Regenzeit, da regnet es mal ein paar Stunden ordentlich und dann ist es wieder trocken und warm. Denkste…
Nach tagelangem unterwegs sein ist unser Ziel nur noch eins: Urlaub vom Reisen!
Endlich am Meer eine schöne Bleibe suchen, das Auto wieder auf Vordermann bringen, Wäsche waschen und dann Faulenzen, Surfen, Lesen und einfach mal die Seele baumeln lassen. Tja, also am Meer sind wir jetzt… aber der Rest…

Hard Core Regen im Regenwald

Nur noch drei Stunden Autofahrt hat der Reiseführer gesagt. Drei Stunden bis nach San Pedro ans Meer. Nach neun Stunden kommen wir an. Die Piste ist ok, nur der Dauerregen verwandelt sie teilweise in Matschweg mit Teichmitte. Und so kommen wir eher nur sehr schleichend voran. Wenigstens kommen wir jedoch noch voran, nicht so wie die armen Jungs des LKWs, der sich, naja ich würde sagen überordentlich, in einem Schlammloch festgefahren hat. Leider ist er so voll beladen, dass wir ihn nicht rausziehen können. Das würde uns dann wohl das Auto kosten.. Aber die Jungs sehen so aus, als wäre das nicht ihr erstes Mal. Regenzeit sind sie ja im Gegensatz zu uns gewohnt.

Richtig mies ist der arme Mann dran, der durch den Schlamm auf Händen und Knien robt, weil er nicht laufen kann. Aber selbst die mit Rollstuhl kommen doch bei so einem Wetter wochenlang gar nirgendwohin…?!… Man man ich motze nie wieder in Hamburg über Regen!

Schwerverbrechen am Wald

Einige Leute kriegen wie in so einer schlechten Soap ihren Mund nicht mehr zu, wenn sie uns hier sehen, einige legen ihre Hände übereinander und verbeugen sich zum Gruß. Eine Oma reißt den Mund auf, erstarrt und ruft dann ganz laut Oiiiii und lacht, als wir vorbeifahren 🙂 So süß!

An dieser Stelle mal wieder einige Zeilen an meine Mama: Liebe Mama, wenn ich sehe, was einige Kinder hier tragen, fällt mir folgende Predigt von dir ein, die ich als Kind immer zu hören bekommen habe: “Nicht so schwer heben, sonst kriegst du nen krummen Rücken!” Dreijährige tragen hier Baumstämme auf dem Kopf und NIEMAND hat hier einen krummen Rücken!!! 🙂
Vielleicht ist sogar das Gegenteil der Fall! Wer alles auf dem Kopf trägt, der kriegt eine super Rückenmuskulatur und Haltung!?! Ich denke, sollte ich mal Kinder kriegen, wäre mir das das Experiment wert. Und ein bisschen Feuerholz schadet nie. 🙂

Die Strecke ist echt spannend, wir lernen auf diesen Kilometern so einiges neues über das Land. Zum Beispiel, dass so schön der Norden und Teile des Westens waren, seit wir vom Nationalpark gen Süden fahren, sehen wir nur noch Natursünden….
Eine Palme nach der anderen, riesen Felder über Felder, nichts nichts nichts anderes außer Palmen Palmen Palmen. Das zieht sich locker über die mehr als 300 km bis ans Meer und geht von da aus weiter die Küste entlang. Die Elfenbeinküste ist einer der größten Lieferanten für Palmöl. Palmöl ist der billige Zusatzstoff in Kosmetika, in Weingummi, Margarine, Biodiesel und vielem vielem mehr. Tja und dafür wird hier Hektar um Hektar weit der Dschungel gerodet, um diese schnellwachsenden Garten an Palmen hochzuziehen. Das Schlimme: nach 20 Jahren Palmwirtschaft ist der Boden hinüber…

Wir kurven mitten durch private Plantagen, treffen immer wieder auf riesen Lastwagen voll beladen mit den Stauden, die sie Richtung Fabrik transportieren. Und schließlich riechen wir sie schon von weitem, bevor wir sie sehen: Die gigantische Palmölfabrik! Schwarzbrauner Rauch steigt aus ihr auf, sicher richtig gesund. Mir ist irgendwie zum Heulen.

Flüchtlinge, UN und sonderbare Polizisten

Dann kommen wir durch einen Ort, der zur Hälfte aus Flüchtlingscamp besteht. Ein komisches Gefühl. Solche Camps kenne ich nur aus den Nachrichten und sie live zu sehen, bereitet mir einen genauso dicken Klos im Magen. Wir sind nicht weit von der liberianischen Grenze. Die liberianischen Flüchtlinge leben einfach auf der anderen Straßenseite des Dorfs, als wären sie ein ganz normaler Teil davon. Nur eben Zelte statt Häuser. Vor zwei Jahren, zu Krisenzeiten in Liberia, hochgezogen, ist es so eine Art Dauereinrichtung, sagt ein Polizist. Die Zelte sehen besser aus als manche Hütte. Wer will da auch zurück gehen. Und zu Zeiten von Ebola wollten das wohl eher ebenfalls die Wenigsten.

Wir kommen noch an zwei riesen UN Stützpunkten vorbei. Und als wir endlich die lang ersehnte Teerstraße erreichen, wünschen wir uns sogleich die Piste zurück. Teerstraße heisst an der Elfenbeinküste Schlagloch an Schlagloch mit Teerstreuseln als Deko. Teilweise sind die Löcher so tief, dass wir drohen aufzusetzen, wenn wir uns für die falsche Ecke zum Durchfahren entscheiden… Und das hier ist eine der Hauptverbingdungsstrecken nach Liberia und Guinea… Die Armen, die diesen Weg regelmäßig fahren müssen!

Der Polizist der uns anhält gibt zu, dass er uns eigentlich nur angehalten hat, um mal zu Quatschen. Der Oberwitz ist hier: Sobald sie hören, dass wir deutsch und nicht französisch sind, lichtet sich ihre eben noch düstere Miene auf, sie werden super freundlich und wollen weder unsere Papiere noch sonst irgendwas sehen… Dafür unsere Handynummer oder unseren Facebook Kontakt. Das ist immer ganz wichtig – in Kontakt bleiben… 🙂 Ein Polizist an einer Kontrolle ist jedoch echt krass. Ich erkläre ihm, dass wir nur eine deutsche Nummer haben und sicher vor einem Jahr nicht wieder darauf erreichbar sind. Das stört ihn nicht. “Wenn ihr wieder da seid, rufe ich euch an. Dann machen wir ab, wie und wann ich euch mein Kind schicken kann..” Ne ist klar. Idiot. Bei solchen Eltern kann ich mir gut vorstellen wie freiwillig – unfreiwillig manche Kinder auf Flüchtlingsboote gesteckt werden, um ihren Eltern das große Glück nach Hause zu schicken… Ich könnte kotzen.
An dieser Stelle wäre es übrigens irgendwie ultra lustig, hier immer die Handynummer einer Person rauszugeben, die man absolut nicht leiden kann. Bei Personen wie diesem Polizisten ist davon auszugehen, dass er diese Nummer ca. 20 mal am Tag anruft. Das wäre echt 90er 🙂 Aber so sind wir ja nicht 🙂

Urlaubsreif

Schließlich kommen wir fix und alle in San Pedro an. Die kompletten Straßen der Stadt sind eine einzige Baustelle. Und alles steht durch den Regen unter Wasser. Wellblechpiste ist für die Hubbel hier völlig untertrieben. Mit Tempo 20 gurken wir in Richtung Hotels und Campements, um wie immer unsere “Dürfen wir auf eurem Parkplatz campen, bitte bitte”-Fragerei zu starten. Keiner von uns hat darauf verständlicher Weise mehr Lust, nach so einem Reisemarathon. Aber was sein muss… Beim zweiten Hotel haben wir diesmal jedoch bereits Glück. Es hat erst vor fünf Monaten aufgemacht und kaum Gäste. Wir können für den gleichen Preis ein Zimmer haben, wie wir sonst fürs Campen bezahlen. Sie sind quasi so übermotiviert uns ein paar Tage zu halten, dass sie unser Auto früh morgens waschen, um uns zu überraschen, uns einen Rabatt geben würden, wenn wir einige Tage blieben und noch vieles mehr.. Doch so nett alle sind und so schön der Strand ist, die Wellen sind absolut nicht Surf-geeignet und das ist ja das, was wir hauptsächlich suchen.. Witzig ist auf jeden Fall das Phänomen im Badezimmer. Abends ist das Bad voller fliegender Ameisen, die einem auf den Kopf fallen. Sicher 200 Stück. Morgens sind sie alle verschwunden, wohin auch immer… Ayo hat ihren Spaß, sie liebt es, Ameisen zu essen. Und welche mit Flügeln dran sind neu und aufregend. Manchmal denke ich sie ist eigentlich eine Katze… Erst mit dem Essen spielen und dann enttäuscht ablassen, wenn es sich nicht mehr bewegt… Aber bei 200 Ameisen habe ich kein Mitleid… Nach zwei Nächten versuchen wir unser Glück weiter im Süden.

In Godé campen wir genau am Meer bei Michel. Der Ort ist nach seinem Vater benannt, der hier Chef ist. Michel macht fast einen Rückwärtssalto im tiefnassen Gras, als wir die Matschpiste zu ihm runtergerutscht kommen.
Das Camp ist super süß. Drei Hütten mit Bar genau am Wasser. Seit ein paar Jahren führt er es zusammen mit seinem Sohn Theo. Mit Hilfe der ersten Touristen hier hat er sich Stück für Stück Töpfe, Gläser und Material für die Hütten kaufen können. Er ist super nett und gibt sich alle Mühe, dass wir uns wohlfühlen. Dazu brauchen wir hier wirklich nichts weiter… In einer der Hängematten schlürfen wir die Milch aus einer Kokosnuss, die Theo uns vom Baum holt. Boah, wenn wir hier irgendwo surfen können, dann bleiben wir für immer… Allerdings brechen die Wellen vor unseren Füßen direkt am Strand und durch den Wind sind sie sicher drei bis vier Meter hoch. Sogar Baden ist zu gefährlich… Theo zeigt uns einen anderen Spot. Der ist der Oberhammer. Leider sind auch hier die Wellen gerade zu krass für uns…Aber Kokosnuss trinken, das können wir 🙂

Wenn ihr nur diese Strände sehen könntet! Also in real, nicht nur in unserer Galerie 🙂  Robinson Crusoe muss hier gewesen sein! Völlig wilde Natur, geilste Vegetation… Die paar Franzosen, die hier mal irgendwann ein Häuschen gebaut haben, haben das Land zur Rebellion verlassen. Die Häusschen hat sich die Natur zurück geholt…
Oh man hier gefällt es mir sooo gut. Hinter der einen oder anderen Kurve gibt es Buchten voller Krebse, Efeu bewachsene Felsen und Wellen deren Gischt sicher sechs Meter hoch über riesige Felswände fliegt.

Budenparty im Zelt

Ich verliebe mich ein bisschen in den Neffen von Michel. Amar ist 10 Jahre und sicher nicht der hellste und pflegeleichteste kleine Junge. Aber er ist so ein Talent. Was immer er anfässt macht er zu einem Musikinstrument. Unsere Schere, mit der er aus dem nichts einen Song komponiert, unser Auto, auf dem er gedankenverloren trommelt. Leider muss man immer ein bisschen gucken, was er als nächstes anstellt. Ich glaube er kriegt wie viele Kinder hier nicht allzu viel Aufmerksamkeit und so ist er immer am Unfug machen. Mich hat er aber irgendwie gern und legt immer alles wieder zurück, wenn ich Nein sage. An einem der Tage, an dem der Regen nicht aufhört, sitze ich zusammen mit Ayo und ihm auf der Hundedecke unter der Bar auf dem Fußboden und versuche mit einer Hand das auf uns zulaufende Regenwasser wegzuwischen. Mit der anderen streichele ich ihm den Kopf. Amar ist fix und fertig, immer wieder knickt sein Kopf müde zur Seite. Dann klammert er sich an mein Knie, legt seine Stirn darauf und ist im Nu weggepennt. Soo süß!

Am nächsten Tag kommt er mit zwei Freundinnen wieder. Ich sitze gerade im Zelt, weil der Regen mal wieder nicht aufhört und schreibe. Amar arbeitet sich schüchtern Stufe für Stufe die Leiter hoch. Dann setzt er sich erst vorsichtig auf die Kante des Zeltes und dann schleicht er sich Stück für Stück schüchtern immer weiter rein, bis er sich irgendwann sicher fühlt, dass ich ihn nicht verscheuche und sich auf die Schlafsäcke kuschelt. Ich kann ihn einfach nicht rausschmeißen, auch wenn ich weiß, dass Ulli es gar nicht cool finden wird hier Kinder in unserem Bett zu haben. Aber es ist irgendwie viel zu gemütlich mit ihm zusammen hier oben. Hat sowas von Bude bauen 🙂 Die zwei Mädels gucken mich schüchtern an und dann trauen sie sich auch und folgen Amar. Toüres und Elvica sind acht und sieben Jahre. Toüres geht auf die katholische Missionsschule im nächsten großen Ort, erzählt sie. Sie ist echt pfiffig und kann sogar am Laptop ihren Namen tippen.

Ständig weisst sie Amar in seine Schranken, der seine mangelnde Intelligenz im Clown sein versucht zu übertünchen. Elvica wird nicht zur Schule gehen. Ihrer Familie fehlt das Geld, sagt sie. Sie spricht super gut französisch und ich bin völlig baff, als sie plötzlich sagt: “Du bist so nett. Ich dachte immer alle Weißen sind böse”.

Ich erkläre ihr, dass es überall auf der Welt gute und schlechte Menschen gibt. Und es schon manchmal einfach eine Frage der Art ist, wie man auf jemanden zugeht. “Wenn ich jemanden, den ich nicht kenne anlächele, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass er nett zu mir ist schon mal viel höher, als wenn ich eine Flappe ziehe”, sage ich. Das kann sie nachvollziehen.

Leider leider hört der blöde Regen einfach kaum auf und die Gischt vom Meer umgibt permanent unser Auto. Nach vier Nächten süpscht es in unser Zelt und alles fängt an zu Schimmeln… Das Auto rostet zusehends und mit ihm alle Metallgegenstände, wie Ullis Machete, unser Besteck…Meine Kamera ist dauer feucht und beschlagen, unsere Klamotten sind klamm und leider gibt es nirgendwo einen Ort an dem wir mal echt trocken sitzen können. Denn obwohl Michel das Dach der Bar geflickt hat, läuft das Regenwasser über den Boden und wenn der Wind von der Seite kommt werden wir dennoch nass…
Und so ziehen wir nach vier Nächten traurig ab, mit dem unguten Gefühl diesen traumhaften Ort einfach nicht ausgiebig genutzt zu haben…
Wir wollen in der nächst größeren Stadt mit Handyempfang mal den Wetterbericht für die nächsten Tage checken… was wir jetzt noch nicht wissen, wir kommen nicht mehr wieder… 🙁

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.

Translate »

By continuing to use the site, you agree to the use of cookies. more information

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Close